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Volker Tschuschke plädiert für Fortsetzung der Debatte um Leitlinien in der Psychotherapie
Leitlinien sind systematisch entwickelte Feststellungen mit dem
Ziel, Entscheidungen von Behandlern und Patienten über eine angemessene
Gesundheitsversorgung für spezifische klinische Situationen zu
unterstützen (AWMF, 2003; Rudolf und Eich, 2002). Leitlinien sollen die
medizinische Versorgung optimieren. Sie sind ein wichtiger Bestandteil
des Qualitätsmanagements im Gesundheitswesen. Leitlinien basieren
auf empirischen Studien, die sich in Metaanalysen und
Zusammenstellungen als Kondensierung des gesamten aktuell verfügbaren
wissenschaftlichen Wissens als so genannte Evidence-based Medicine
(EBM) zu jeweils spezifischen Krankheitsbildern und ihrer bestmöglichen
Behandelbarkeit niederschlagen. Insofern sind Leitlinien stets
evidenzbasiert. Die Problematik besteht darin, dass ohne EBM keine
Leitlinien optimierter Behandlung jeweils spezifischer Krankheitsbilder
möglich sein würden, eine ausschließliche Begrenzung von
Behandlungsleitlinien auf EBM allein jedoch wird ebenfalls
problematisiert.
»Guidelines without Evidence-based Medicine are a problem, but
guidelines with Evidence-based Medicine only are a catastrophy.«
(Society for Social Decision Making, USA; zit. n. AWMF). Es ist
deutlich geworden, dass ohne EBM moderne medizinische Behandlung – und
damit auch professionelle Psychotherapie – nicht mehr möglich sein
wird. »Eines ist… klar: Psychotherapeutische Medizin (Psychotherapie
insgesamt) wird in Zukunft evidenzbasiert sein – oder sie wird, als
Teil des öffentlich finanzierten Gesundheitssystems, nicht sein.«
(Henningsen und Rudolf, 2000, S. 374).
Allerdings geht es um die Berücksichtigung des menschlichen Faktors des
Behandlers. Ohne persönliche und klinische Kompetenz in der Beziehung
zum Patienten werden Medizin und Psychotherapie nicht wirksam sein
können, ungeachtet aller verfügbaren EBM-Erkenntnisse. Hier ist eine
integrative Leistung gefordert, alleinige klinische Erfahrung reicht
nicht mehr hin, pure evidenzbasierte Fakten reichen gleichermaßen nicht
aus, selbst bei den meisten somatischen und schon gar nicht bei
psychosomatischen und psychologischen Problemen und Erkrankungen.
Aus EBM und Leitlinien-Ausarbeitungen ergeben sich die so genannten
Disease-Management-Programme (DMP). In ihnen werden alle diagnostischen
und behandlungs-erforderlichen Maßnahmen zusammengebracht. Eine so sich
aufbauende Behandlungs-Optimierung bringt die geforderte
Qualitätssicherung (Ergebnis-Qualität) mit sich: Evidenzbasierte
Medizin (EBM)
> Leitlinien (guidelines)
> Disease-Management (DMP)
> Qualitätssicherung.
Für psychotherapeutische Praktiker stellt sich die Frage, ob
Leitlinien die Behandlung kontaminieren – oder sogar unmöglich machen –
bzw. ob sich vielleicht sogar Vorteile daraus ergeben könnten?
Schließlich gibt es Befürchtungen, wie weit und mit welchen
Konsequenzen die gesamte Profession als solche in ihrer weiteren
Entwicklung betroffen sein wird:
1. Vorteile von Leitlinien in der Psychotherapie
- Professionalisierung von Psychotherapie
- Größere Akzeptanz von Psychotherapie in der Öffentlichkeit (von Patienten wie auch von anderen medizinischen Disziplinen)
- Vergleichbarkeit der Wirkungen von medizinischen wie psychotherapeutischen Maßnahmen
- Emanzipation von Patienten (größere Transparenz, größere Mitbestimmung)
- Sicherung von Strukturqualität auf Seiten der Therapeuten (Qualifikation, Weiterbildung)
- Sicherung von Prozess- (Diagnostik und Indikation) und Ergebnisqualität
- Kosteneffizientere Behandlungen
- Kostenträger,
politische Entscheidungsgremien, konkurrierende Berufsgruppen (speziell
im medizinischen Bereich) fragen nach der Wirksamkeit der Verfahren und
Behandlungen (damit nach Evidenzgrundlagen) (»den Gegner mit den
eigenen Waffen schlagen«) (»Bringschuld der Leistungserbringer«)
- Überwindung der Beschränkung des Krankheitsbegriffs und der
Krankenbehandlung auf allein medizinische Maßnahmen durch Entwicklung
von Leitlinien.
2. Befürchtungen von Psychotherapeuten (Nachteile von Leitlinien)
- Verunsicherung von Psychotherapeuten durch (vermeintliche oder objektive?) Abgabe von Entscheidungsgewalt
- Einwirkung auf das Patient-Therapeut- Verhältnis von dritter Seite
- Derzeit
gegebene enge Bindung von Therapeuten an ein Verfahren: subjektive
Bedrohung der eigenen professionellen Identität durch externe
Evaluation
- Psychotherapie wandelt sich weitgehend vom Intuitiven zum rational Kalkulierten
- Viele (die meisten) Psychotherapieschulen bleiben auf der Strecke (weil keine Level I- oder Level IIStudien vorhanden)
- Evidenzbasierung als einziges Zulassungskriterium?
- Damit nur noch RCT-Studien als Eingangsvoraussetzung?
Die Situation der Psychotherapie ist zweifelsfrei eine besondere
innerhalb der medizinischen Versorgung. Insofern ist die Debatte um
Nutzen und Schaden evidenzbasierter Medizin und Leitlinien in der
Behandlung psychisch, psychosomatisch und somatisch Kranker mittels
psychologischer und psychotherapeutischer Maßnahmen nicht beendet. Im
Gegenteil bedarf sie weiterer ausführlicher Erörterungen und
Reflexionen – auch und gerade mit anderen medizinischen Disziplinen,
inwieweit sie einen eigenständigen und dennoch wissenschaftlichen Weg
gehen kann, ohne eine 1:1- Umsetzung nomothetisch-empiristischer
Erkenntnisse aufgrund unangemessener, weil auf für die
psychotherapeutische Ebene »unterkomplexer « RCTs (Randomized
Controlled Trials) basierend, vornehmen zu müssen (Henningsen &
Rudolf, 2000).
Univ.-Prof. Dr. Volker Tschuschke
Medizinische Psychologie der Universitätsklinik zu Köln
Zitierte Literatur:
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). (2003). www.awmf-online.de
- Henningsen,
P. & Rudolf, G. (2000). Zur Bedeutung der Evidenz-Based Medicine
für die Psychotherapeutische Medizin. Psychotherapie, Psychosomatik,
medizinische Psychologie 50, 366-375.
- Rudolf, G. & Eich, W. (2002). Reihenvorwort.
In Tress, W., Wöller, W., Hartkamp, N., Langenbach, M. & Ott, J.
(Hrsg.). Persönlichkeitsstörungen. Leitlinie und Quellentext.
Stuttgart: Schattauer.
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