Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e. V.

Formen von Essstörungen

In Deutschland leiden laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) ca. 30-50 Personen von 1000 an einer Essstörung. Essstörungen gibt es in verschiedenen Formen, die BZgA (2021) nennt drei Hauptformen sowie die Mischform:

  • Anorexia nervosa (Magersucht),
  • Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht)
  • Binge-Eating-Störung (regelmäßige Essanfälle ohne gewichtsregulierende Maßnahmen),
  • Mischform

Weitere zum auffälligen Essverhalten zählende Formen sind nach dem "Therapienetz Essstörungen":

  • Adipositas (Übergewicht mit einem BMI ab 30),
  • Biggerexie (Körperwahrnehmungsstörung der Muskulatur, durch exzessiven Sport, Nahrungsergänzungsmitteln, Anabolika und Diätenverhalten gekennzeichnet).
  • Orthorexie (Fixierung auf eine Trennung von „ungesundem“ und „gesundem“ Essen in Form von zwanghaften Zügen).
Neuere, unbekannte Formen der Essstörung

Die schlafbezogene Essstörung (engl. Sleep-related eating disorder oder SRED) ist eine Parasomnie, die durch wiederkehrende Episoden des Essens - oft von kalorienreichen Junkfood oder ungenießbare Substanzen wie Spülmittel - im Schlaf gekennzeichnet ist, die nicht oder nicht vollständig willkürlicher Kontrolle unterliegt. Verwirrung, Orientierungslosigkeit, ungenaue oder fehlende Erinnerungen an das Ereignis sind Bestandteile von SRED. Die Erkrankung kombiniert Aspekte des Schlafwandelns mit Essattacken.

Dabei sind schlafbezogene Essstörungen vom "Night Eating Syndrom" (NES) abzugrenzen, bei dem die Betroffenen willkürlich Abends große Mengen an Nahrung zu sich nehmen. 

Die Diagnosekritierien nach International Classification of Sleep Disorders und weitere Informationen können Sie hier nachlesen.  Nach Spiegelhalder & Hornyak M. (2020, S. 1), die sich auf eine Studie von Winkelman et al. (1999) beziehen, tritt sie gehäuft bei Patientinnen und Patienten mit bekannter Essstörung auf.

Am häufigsten anzutreffend - die Mischform

Sehr häufig fallen Patientinnen und Patienten mit ihrer Symptomatik zwar durchaus in die Symptome einer Essstörung, erfüllen jedoch nicht die Kriterien, um sie einer bestimmten Form zuordnen zu können. In diesem Fall spricht man von der sogenannten Mischform oder atypischen Essstörung. Die Mischform ist die häufigste Form aller Essstörungen und sollte als solche mit der gleichen Professionalität wie die Hauptformen behandelt werden. Sie tritt bei Frauen und Männern auf. Das "ANAD e.V. Versorgungszentrum Essstörungen" gibt hier einen Überblick über die nicht genau bezeichneten Störungsformen.

 

Begleiterkrankungen

Die Patientenleitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Essstörungen (2015, S. 11), widmet sich auch den Begleiterkrankungen, wie der Depression, Zwangs- und Angststörung sowie Substanzmissbrauch und gibt zu bedenken, dass weitere psychische Erkrankungen als Auslöser einer Essstörung fungieren können.

Risikofaktoren und Therapieformen

Die S3-Leitilinie (2018) gibt bei allen Formen ähnliche Risikofaktoren an. Immer wieder anzutreffen ist neben biologischen Einflüssen auch eine mangelnde Entwicklung des Körper- und Selbstwertgefühls, sowie der nicht zu unterschätzende Einfluss der Umwelt. Dies legt nahe, die Essstörung neben den Therapieformen wie der Verhaltenstherapie, tiefenpsychologische fundierten Psychotherapie/-analyse, Körperpsychotherapie oder auch Tanz- und Bewegungstherapie auch aus der systemischen Sichtweise zu betrachten.

 

Systemische Therapie bei Essstörungen als Inspiration

Die systemische Therapie legt in ihrem Ansatz den Fokus neben den Betroffenen selbst auch auf deren direktes soziales Umfeld. Die Essstörung hat somit nicht nur eine Entstehungsvariable in der Person, sondern entsteht oder wird aufrechterhalten durch die Interaktionsmechanismen zwischen dem Individuum und seiner Umwelt. Die Essstörung wird als ein Symptom angesehen (ANAD e.V.). Es liegt nahe, dass in diesem Fall das Umfeld aktiv in die Therapie miteinbezogen wird und Probleme, die durch die Essstörung entstehen oder diese mitbedingen, gemeinsam gelöst werden. Insbesondere die Ressourcensuche bei jedem Einzelnen kann helfen und deckt sich mit den Patentinnenwünschen aus der Studie von Gulliksen et al. (2012). In diesem Zuge sei das Kapitel 5 des Buches „Systemische Beratung bei Essstörungen“ (ISBN: 9783640620265) empfohlen. Die Erfolgsaussichten sowie die Rückfallgefahr konnten in einigen Fällen durch den Einbezug der Familie in eine Familientherapie gebessert werden (ANAD e.V.). In diesem Zuge bietet der Verein auch einen Elternworkshop an, der sicher nicht nur für betroffene Eltern interessant ist. Genauere Informationen dazu finden Sie hier. Einen spannenden Überblick über die systemische Therapie bei Jugendlichen und Erwachsenen mit Essstörungen bieten Pasi & Pauli (2019).

Abschließend sei auf die zwei Bücher „Familientherapie der Essstörungen“ von Günter Reich (2003, ISBN: 3801713903), sowie „Ich esse eure Suppe nicht! – Systemische Perspektiven magersüchtigen Verhaltens“ von Schwarze & Sorge (2006, ISBN: 3808005904) verwiesen.

Nach einer Studie zur Anorexia nervosa von Agras et al. (2014) profitierten Patientinnen, mit Zwangssymptomatik von der systemischen Therapie. Eine weitere Studie, ebenfalls mit Augenmerk auf der Anorexia nervosa von Godart et al. (2012) wies nach, dass die poststationäre systemische Therapie der TAU (treatment as usual) überlegen war. Dies stützt den systemischen Ansatz in Verbindung mit Patientinnen-Wünschen wie Ressourcen Fokussierung der Therapeutinnen und Therapeuten, aus einer Studien von Gulliksen et al. (2012, genannt in der S3-Leitlinie, S. 50), die sich mit der therapeutische Beziehung von Patientinnen mit Anorexia nervosa beschäftigte. Die Körperorientierung lässt sich in alle Therapieformen einbeziehen. Hier finden Sie weitere Informationen.

Verschiedene Formen, verschiedene Ansätze?

Es gibt nicht den einen idealen Ansatz oder das Verfahren das jeder essgestörten Person hilft. Allerdings scheint dies auch im Rahmen der Vielfältigkeit der Essstörungen und insbesondere mit Augenmerk auf die Mischformen und Begleiterkrankungen nicht notwendig. Wichtig ist vor allem – und dies haben alle Formen gemein:  frühzeitig erkennen, dass eine Essstörung vorliegt - und anschließendes aktives Handeln. Die BzGA gibt in der „Empfehlung zur integrierten Versorgung bei Essstörungen in Deutschland" vier zu verknüpfende Bereiche für eine umfassende und qualitativ hochwertige Versorgungsstruktur an (S.14): (a) Gesundheitsförderung, Prävention, (b) Niederschwellige Beratungsangebote, (c) Diagnostik und Behandlung, (d) Nachsorge.

Isa Julgalad