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Brief des VPP an Krankenkassen

Empfänger: AOK, Barmer EK, BKK, DAK, HEK, KKH, TK und VDAK

10. Mai 2004

Als Berufsverband Psychologischer PsychotherapeutInnen, der rund 3.500 niedergelassene Psychotherapeuten vertritt, wenden wir uns heute zu dem Thema Hausarztmodell an Sie.

Wie der Presse zu entnehmen war, beabsichtigen einige Krankenkassen, die im Rahmen des GMG vorgesehene Möglichkeit der Einführung von Hausarztmodellen als Alternative zur Praxisgebühr einzuführen.

Der VPP im Berufsverband Deutscher Psychologen (BDP) hält Hausarztmodelle nicht generell für problematisch. Dennoch muss auf die konkrete Ausgestaltung und insbesondere die Auswirkungen auf die Versorgung psychischer Erkrankungen bedacht werden. Zunächst wäre zu klären, ob die Fehlversorgung durch Fehlüberweisung oder Fehlbehandlung in diesem Zusammenhang durch eine Lotsenfunktion der Hausärzte potentiell eher erhöht oder verringert wird.

Wie Untersuchungen immer wieder gezeigt haben, werden psychotherapeutisch zu behandelnde PatientInnen durchschnittlich 7 Jahre lang durch das Ärztesystem geschleust, bevor sie eine fachlich indizierte psychotherapeutische Behandlung erhalten. Wir sind der Überzeugung, dass dieser kostenträchtige Missstand nicht dadurch behoben werden kann, dass zunächst immer ein Besuch beim Hausarzt einer Facharzt-Behandlung vorangeht. Entsprechende Studien und Erfahrungen zeigen, dass Hausärzte in der Regel nicht in der Lage sind, psychische Erkrankungen adäquat zu erkennen und einer Behandlung zuzuführen. Selbst die Volkskrankheit Depression wird von Hausärzten in der Regel nicht erkannt; sie sind hierfür im Rahmen ihres Studiums auch nicht ausgebildet worden.

Neben einer derzeit noch nicht vorhandenen Qualifikation von Ärzten müssen aber auch die organisatorischen und rechtlichen Voraussetzungen für ein den Namen wirklich rechtfertigendes Case-Management-System vorhanden sein, d.h. zum Beispiel der regelhafte Austausch von Daten zwischen Fachärzten und dem Hausarzt

als Lotse. Jedoch gerade der notwendige Austausch von Daten über psychische Störungen, Entwicklungen etc. ist aus Versichertensicht hochsensibel. Eine Steuerungsfunktion des Hausarztes ist, wie unten weiter ausgeführt, mit vielen Problemen behaftet.

Es ist kein Geheimnis, sondern international gut belegt, dass psychische Belastungen und Psychotherapie gesellschaftlich nach wie vor mit Tabuisierung und Stigmatisierung verbunden sind. Obwohl nach repräsentativen Untersuchungen (GFK 2003) 10,3% der deutschen Bevölkerung Erfahrungen mit Psychotherapie haben, sagen 40,7%, dass es ihnen peinlich wäre, wenn z.B. Nachbarn von einer eventuellen Psychotherapie erfahren würden. Dies deckt sich mit Berichten von unseren Mitgliedern, dass PatientInnen seit Jahresbeginn vielfach dazu neigen, die Praxisgebühr beim Folgearztbesuch im Quartal erneut zu entrichten, um die psychotherapeutische Behandlung verschweigen zu können. Dieses Problem der Stigmatisierungsangst stellt sich nicht nur im ländlichen und kleinstädtischen Bereich.

In einem Hausarztmodell ist daher in diesem tabuisierten Bereich mit der entstehenden Schwelle eine Steigerung der Unterversorgung mit entsprechenden Folgekosten zu erwarten. Im ursprünglich politisch vorgeschlagenen Entwurf zum Hausarztmodell waren konsequenterweise diejenigen Arztgruppen ausgenommen, bei denen eine Fehlinanspruchnahme durch Selbststeuerung des Arztzugangs unplausibel ist und eine Lotsenfunktion in der Regel Pauschalkosten ohne Wert erzeugen würde. Eine fachlich qualitativ ausgefüllte Lotsenfunktion würde zwar die Tabus und Hürden nur unwesentlich beeinflussen, aber zumindest die nicht geringen Fehlsteuerungen minimieren. Wie oben schon erwähnt, sind dazu vertiefte Kenntnisse bei Hausärzten und dem mit der Diagnostik betrauten Personal notwendig.

Daraus ergibt sich, dass eine bessere Versorgung von Psychotherapie-PatientInnen nicht dadurch erreicht werden kann, dass sie zuvor von einem Hausarzt gesehen werden. PsychotherapeutInnen sind die „Hausärzte der Seele“; es muss für PatientInnen mit psychischen Störungen oder Problemen die Möglichkeit geben, diesen „Hausarzt der Seele“ direkt aufsuchen zu können, auch wenn er sich im Bereich der somatischen Erkrankungen dem Hausarztmodell angeschlossen hat. Soweit es um psychische Störungen geht, sollten die Psychologischen PsychotherapeutInnen sinnvoller Weise die Lotsenfunktion übernehmen – die notwendigen somatischen Abklärungen werden von ihnen regelmäßig im Rahmen des Konsiliarverfahrens ohnehin vorgenommen.

Deshalb sollten Psychologische PsychotherapeutInnen neben den Frauen- und Augenärzten vom Hausarztmodell ausgenommen werden, damit das Erstzugangsrecht zur Psychotherapie bei vorliegender Indikation erhalten bleibt.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Helga Schäfer
Vorsitzende des Bundesvorstandes

6.7.2004

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