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Psychotherapieentwicklung stagniert

Gesprächspsychotherapie soll ausgehungert werden
Gesundheitsministerin soll jetzt eingreifen 

Köln: Als einen "Akt der Verzweiflung, mit dem wir die Gesprächspsychotherapie retten wollen", bezeichnet es Karl Otto Hentze, wenn die Gesprächspsychotherapeuten am Mittwoch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt ein Protestschreiben samt Leidensgeschichte-CD übergeben. Hentze ist Bundesgeschäftsführer der Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie (GwG), dem mit rund 4000 Mitgliedern größten europäischen Fachverband für Psychotherapie und Beratung. Die Protestnote dokumentiert die Verschleppungstaktik des für die Kassenzulassung zuständigen Gremiums und verdeutlicht, dass den Patienten noch sechs Jahre nach Inkrafttreten des Psychotherapeutengesetzes (PsychThG) die Gesprächspsychotherapie als Krankenkassenleistung willkürlich vorenthalten wird. Die GwG will erreichen, dass die Ministerin - im Interesse von Patienten und Behandlern - der in der Fachwelt anerkannten Gesprächspsychotherapie zu einem fairen Verfahren bei der Kassenzulassung verhilft. 

Gesprächspsychotherapeuten zum Etikettenschwindel gezwungen

Bis das Psychotherapeutengesetzes im Jahr 1999 in Kraft trat, konnten Patienten im Rahmen des Kostenerstattungsverfahren ganz offiziell gesprächspsychotherapeutische Leistungen in Anspruch nehmen. Heute sind die Gesprächspsychotherapeuten zum Etikettenschwindel gezwungen, sobald sie Kassenpatienten aus fachlicher Überzeugung gesprächspsychotherapeutisch behandeln wollen. Die Krankenkasse übernimmt nämlich nur noch Kosten, wenn die Therapie als verhaltenstherapeutisch oder tiefenpsychologisch fundiert ausgewiesen wird. Das widerspricht der Absicht des Gesetzgebers, der mit der Einführung des PsychThG die psychotherapeutische Versorgung durch ein vielfältiges Angebot verbessern wollte.

Verschleppungstaktik

Ein Psychotherapieverfahren kann dann gegenüber den Krankenkassen abgerechnet werden, wenn es sozialrechtlich anerkannt ist. Diese Anerkennung wird der Gesprächspsychotherapie von dem zuständigen Selbstverwaltungsgremium, dem "Gemeinsamen Bundesausschuss", jedoch seit Jahren verwehrt, obwohl die Gesprächspsychotherapie ein approbationsfähiges Verfahren für die Psychotherapeutenausbildung ist und seit Jahrzehnten an den meisten psychologischen Lehrstühlen der Universitäten gelehrt wird. Der "Gemeinsame Bundesausschuss" blockiert die Kassenzulassung, indem er beispielsweise mehrfach völlig willkürlich Nachweisanforderungen verändert, im Psycho-therapeutenrecht nicht ausdrücklich vorgesehene Qualitätsnachweise fordert, angeforderte Gutachten jahrelang ungelesen liegen lässt und das Prüfverfahren rechtswidrig verkompliziert. 

Größere Vielfalt

Eine der Ursachen für diese Verschleppungsstrategie ist nach Ansicht nicht nur der Gesprächspsychotherapeuten die Besetzung des Gremiums: In dem "Gemeinsamen Bundesausschuss" haben ausschließlich Vertreter der bereits in die Kassenversorgung eingebundenen Psychotherapieverfahren Platz und Stimme. Sie entscheiden, ob sie einen Mitbewerber auf den Markt lassen. Da der zu verteilende Kuchen auch nach der Zulassung der Gesprächspsychotherapie gleich bleibt, kommt es zu Umverteilungen. Die vergrößern zwar die Therapievielfalt, verkleinern jedoch den Umsatz pro Therapiemethode. Konkurrenz könnte hier das eigene Geschäft nicht beleben, wohl aber die Patientenversorgung verbessern. Helga Kühn-Mengel, 1. Vorsitzende der GwG und Patientenbeauftragte der Bundesregierung, fällt dazu nur ein drastischer Vergleich ein: Das Zulassungsverfahren sei so, als ob Opel und Toyota gemeinsam zu entscheiden hätten, ob Mercedes als Automarke zugelassen werde oder nicht.

Gesprächspsychotherapie - ein etabliertes Verfahren

Dabei ist in Fachkreisen national und international längst anerkannt, dass Gesprächspsychotherapie, egal ob es sich um Ängste oder depressive Erkrankungen, um Persönlichkeitsstörungen oder Panikattacken handelt, eine effektive, besonders nachhaltig wirkende, kostengünstige und weit verbreitete Therapiemethode ist, die bereits hunderttausenden Patienten geholfen hat. Bevor das PsychThG eingeführt wurde, war die Gesprächspsychotherapie unabhängigen Statistiken zufolge mit bis zu 50% an der gesamten psychotherapeutischen Versorgung beteiligt. Gesprächspsychotherapie ist besonders gut dokumentiert, weil ihr Gründer C. Rogers seine Therapien bereits in den 50er Jahren auf Tonträger aufzeichnete und einer wissenschaftlichen Kontrolle unterzog. Aus diesen Erkenntnissen wurde die Gesprächspsychotherapie zu einer Therapieform entwickelt, die die Selbstheilungskräfte dauerhaft mobilisiert. Sie hilft, die akuten seelischen Beschwerden zu heilen und zu lindern und die Selbstheilungskräfte so zu stärken, dass auch später auftretende psychische Probleme selbst bewältigt werden können. Gesprächspsychotherapie ist dadurch nachweislich ein besonders wirtschaftliches Psychotherapieverfahren, das u. a. in Krankenhäusern, Rehakliniken und Suchteinrichtungen einen festen Platz hat. 

Einfalt statt Vielfalt

Mit dem PsychThG sollten gerade solche Psychotherapieverfahren, die wissenschaftlich anerkannt, wirksam und kostengünstig sind, in die psychotherapeutische Versorgung einbezogen werden. Das aber wurde de facto verhindert. Das Gesetz durchbrach seinerzeit das Ärztemonopol und stellte Psychotherapeuten mit Ärzten im Bereich Psychotherapie gleich. Gleichzeitig schaffte es die Voraussetzungen, die psychotherapeutische Versorgung an das Berufsrecht der Psychotherapeuten anzupassen. Der "Gemeinsame Bundesausschuss" kam aber dem gesetzlichen Auftrag, mit der Einführung des PsychThG auch die Psychotherapieverfahren für die Versorgung neu zu regeln, nicht nach. Stattdessen wurde die psychotherapeutische Versorgung auf den Status quo vor dem Gesetz eingefroren: Als Kassenverfahren galten fortan ausschließlich psychoanalytische/tiefenpsychologisch fundierte und verhaltenstherapeutische Therapien, die aber nicht für alle Patienten geeignet sind. Andere wissenschaftlich fundierte gleich wirksame Verfahren, die aufgrund ihres Ansatzes individuell oder sogar ausschließlich für viele Patienten wirksamer sind, werden den Patienten vorenthalten. Die Vielfalt des Angebots ist in der Psychotherapie besonders bedeutend, weil die Passung Patient/Therapieverfahren für eine erfolgreiche Therapie (mit-)entscheidend ist. Für die Quote von Fehlbehandlungen und Therapieabbrüchen, die 30 bis 50% erreicht. macht die Fachwelt insbesondere die Tatsache verantwortlich, dass für diese Patienten nicht das passende Verfahren zur Verfügung steht. 

Die GwG sieht sich jetzt zu dem Schritt gezwungen, die Verfahrensverschleppung und das gesetzwidrige Bewertungsverfahren des Gemeinsamen Bundesausschusses gerichtlich überprüfen zu lassen. Aber: Justitias Mühlen mahlen langsam. In der Zwischenzeit erledigt sich das Problem möglicherweise von selbst, weil der berufliche Nachwuchs ausbleibt. Denn je länger die Gesprächspsychotherapie sozialrechtlich ausgesperrt bleibt, desto weniger Studenten werden sich in Gesprächspsychotherapie ausbilden lassen, desto weniger Professoren werden sie mit Blick auf ihre Karriere lehren bzw. weiterentwickeln. Die Gesprächspsychotherapeuten hoffen jetzt auf ein Eingreifen des Ministeriums und ein Machtwort von Ulla Schmidt, das der fortgesetzten Verschleppung des Verfahrens und dem offen rechtswidrigen Prüfverfahren endlich ein Ende setzt: Auf der Dokumentations-CD findet die Ministerin alles, was dazu Anlass gibt.

GwG-Pressemitteilung

24.2.2005

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