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„Zwischen Mythos und Manual“

Bericht vom Symposium des VPP

Am 9. September 2013 lud der Verband Psychologischer Psychotherapeuten (VPP) im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) anlässlich seines 20-jährigen Bestehens zu einem Symposium nach Berlin. Unter dem Titel „Zwischen Mythos und Manual – Zukunft der Psychotherapie in Deutschland“ diskutierten einen Tag lang Praktiker und Wissenschaftler sowie Politiker und Vertreter der Krankenkassen die entscheidenden Fragen rund um die Zukunft des Berufsstandes.

Verantwortung der Behandler

Mit der Wahl des Themas hatte der VPP offenbar einen Nerv getroffen: Der Saal war bis in die letzte Reihe voll besetzt, als der Bundesvorstand am Vormittag seine Gäste willkommen hieß. Nach der Begrüßung durch den Bundesvorsitzenden Marcus Rautenberg und durch Uschi Gersch, die die Veranstaltung im weiteren Verlauf moderierte, eröffnete Professor Dr. Frank Jacobi von der Psychologischen Hochschule Berlin als erster Referent das Programm. In seinem Vortrag ging Professor Jacobi auf die Folgen der Revision des Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM) zum DSM-5 für die klinische Diagnostik sowie auch für Erkrankungszahlen und Prävalenzen ein. Er stellte dar, welche Änderungen es gebe und welchen Einfluss diese haben könnten. Besonderes Augenmerk legte Professor Jacobi auf die Kritik, die – zum Teil durchaus berechtigt – aus verschiedenen Richtungen schon vor Veröffentlichung des DSM-5 laut geworden war. Allerdings treffe, so betonte Professor Jacobi, ebendiese Kritik auch und umso mehr auf die ICD-10 zu. Er plädierte für eine Versachlichung der Debatte rund um das DSM-5. Die Verantwortung für die Therapie liege weiterhin beim Behandler: Dieser entscheide, ob eine Behandlung angebracht sei oder nicht – und nicht das diagnostische System.

Aufs Ganze gehen

Nach Professor Jacobi übernahm Jürgen Hardt – Psychoanalytischer Psychotherapeut und Gründungspräsident der Psychotherapeutenkammer Hessen – das Wort. Auf Grundlage einer gänzlich anderen psychotherapeutischen Schule sprach er zum Thema des ganzheitlichen Krankheitsverständnisses. Als Psychoanalytiker, der mit seinen Patienten immer „aufs Ganze“ gehe, stelle er den leidenden Menschen mit allem, was ihn ausmache, selbst dem, was er verbergen und nicht wahrhaben wolle, in den Mittelpunkt der Behandlung. Jürgen Hardt kritisierte in diesem Zusammenhang den „Ökonomismus in der Gesundheitsversorgung“ sowie das Herausreißen der Symptome aus dem Kontext des Lebens des Behandelten. Mit Hilfe verschiedener Fallbeschreibungen illustrierte er eindrücklich, wie Person, Kontext und Symptom untrennbar zusammenhängen.

Verfahrensvielfalt erhalten

Eine ähnliche Sichtweise vertrat auch der nächste Referent, Ulrich Meier, Leiter der Akademie für angewandte Psychologie und Psychotherapie (APP) Köln und Mitbegründer der Arbeitsgemeinschaft Ausbildungsinstitute und VPP für wissenschaftlich begründete Psychotherapieausbildung (AVP). Unter dem Titel „Jedes Symptom ist anders und jede Krankheit auch“ stellte er dar, wie die Psychotherapie durch die Einführung des Psychotherapeutengesetzes ihre eigene „Psycho-Logik“ eingebüßt habe: Obwohl die Therapie Raum brauche für das Verständnis des gesamten seelischen Systems mit all seinen Grenzen und Möglichkeiten, sei sie zunehmend gezwungen, mit naturwissenschaftlich-empirischen Methoden der Diagnose und Behandlung „Symptomklempnerei“ zu betreiben. Ulrich Meier betonte, dass es – eben weil jedes Symptom anders sei und jede Krankheit auch – die Verfahrensvielfalt zu erhalten gelte: Menschen in ihrer Vielfältigkeit seien nur durch eine Vielfalt an Verfahren zu erreichen.

Chancen und Grenzen der Online-Therapie

Dem Vortrag von Ulrich Meier folgte eine Diskussionsrunde, an der sich die Teilnehmer des Symposiums rege beteiligten. Besonders heiß diskutiert wurden die Möglichkeiten der Online-Therapie. Während von einigen Teilnehmer die mit dieser verbundenen Chancen dargestellt wurden, mehr Menschen über unterschiedliche Kanäle zu erreichen, sahen andere die Gefahren der Internet-Therapieangebote: die fehlende therapeutische Beziehung und nicht zuletzt starke datenschutzrechtliche Bedenken. Einig war man sich, dass – auch wenn man neugierig und offen bleiben müsse für neue Wege und Methoden – eine Online-Therapie nicht gleichgesetzt werden könne mit einer regulären Psychotherapie. Das Leben finde nach wie vor nicht online statt.

Anrecht der Patienten auf Verfahren mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit

Nachdem die Diskussionen zu den Themen des ersten Teiles des Symposiums auch in der Mittagspause unter den Teilnehmern rege fortgesetzt worden waren, eröffnete Professor Dr. Thomas Fydrich von der Humboldt-Universität zu Berlin die zweite fachliche Runde. Unter dem Titel „Störungsspezifische Indikation und evidenzbasierte Psychotherapie“ beleuchtete er die Operationalisierung der wissenschaftlichen Anerkennung von Psychotherapieverfahren und beschrieb dabei auch die Kriterien und Anforderungen an wissenschaftliche Studien zur Prüfung. Er betonte, dass Patienten ein Anrecht darauf hätten, mit einem Verfahren mit möglichst hoher Erfolgswahrscheinlichkeit behandelt zur werden. Evidenzbasierte Psychotherapie garantiere keinen Therapieerfolg, erhöhe aber dessen Wahrscheinlichkeit.

Eine praktische Wissenschaft

Im Anschluss an beleuchtete Professor Dr. Jürgen Körner, Gründungspräsident der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin, die „Zukunft der psychodynamischen Psychotherapie“. In sehr klaren Worten beschrieb er eindrücklich, was einen guten Therapeuten seines Erachtens ausmache und wie er sich eine Ausbildung in Zukunft vorstelle. Da Psychotherapie eine praktische und keine theoretische Wissenschaft sei, solle die Ausbildung zwar einerseits ein möglichst breites Curriculum theoretischer Wissenschaften enthalten; ein Schwerpunkt müsse aber andererseits auch auf der situativen Anwendung des Wissens am Einzelfall liegen. Dies sei in der Praxis immer komplizierter als in der Theorie.

Pluralität der Ansätze

Den letzten Fachvortrag hielt Professor Dr. Jürgen Kriz als Vertreter der Humanistischen Psychotherapie. Unter dem Titel „Sinn und Unsinn von Richtlinientherapie: Grundlagen humanistischer Psychotherapie“ zeigte er interne Konvergenzen in den Psychotherapieverfahren auf. So habe die Humanistische Psychotherapie Einfluss auf die anderen drei großen Richtungen (psychodynamisch, verhaltenstherapeutisch, systemisch) und lasse sich wiederum von diesen befruchten. So sehr diese Entwicklungen zu begrüßen sei, sei es dennoch wichtig, auch die Ursprünge der Ansätze zu kennen und zu erhalten. Eine Pluralität der Verfahren sei ein wertvolles Gut und spiegle die Pluralität der Gesellschaft wider – und nicht etwa mangelndes Wissen.

Therapeutische Beziehung

Die anschließende Diskussion drehte sich unter anderem um die therapeutische Beziehung: Obwohl man sich einig war, dass diese eine wichtige Rolle für den Therapieerfolg spiele, gingen die Meinungen dazu, was genau sie definiere, bei den Vertretern der verschiedenen Therapierichtungen doch weit auseinander: Ist die therapeutische Beziehung die Arbeitsgrundlage für eine Anwendung anderer Methoden oder geht ihre Wirkung weit darüber hinaus und steht gar im Mittelpunkt der Behandelung?
Ein weiterer Diskussionspunkt war die Sinnhaftigkeit der Frage danach, welches Verfahren „besser“ wirke. Da es immer um eine Anwendung im Einzelfall gehe, seien Aussagen über Erfolgswahrscheinlichkeiten wenig sinnvoll. Gerade deshalb sei es für eine zukünftige Ausbildung wichtig, verschiedene mögliche Therapieverfahren  – auch tiefer gehend – zu kennen; und sei es nur, um Patienten informiert zu einem anderen Therapeuten raten zu können.

Podiumsdiskussion

Den Abschluss des fachlichen Teils des Symposiums bildete eine Podiumsdiskussion, an der auch Vertreter der Krankenkassen und der Politik teilnahmen. Man war sich einig, dass eine Reform des Psychotherapeutengesetzes nicht so teuer werden müsse, wie die Politik vielleicht befürchte: Man fange nicht von Null an; es gehe vielmehr um eine Mittel-Umverteilung, denn um eine Mittel-Neuverteilung.
Zudem wurde die Meinung laut, dass eine Direktausbildung in Zukunft nicht zu verhindern sei. Es helfe nichts, sich dagegen zu sperren. Wichtig sei es allerdings, im Zuge der Umsetzung darauf zu achten, dass die Verfahrensvielfalt erhalten bleibe.
Im Verlauf der Diskussion kam zudem die Idee einer Akut-Sprechstunde bei Psychotherapeuten auf. In dieser wäre es für Patienten möglich, einen ersten Kontakt herzustellen und ihr Anliegen vorzutragen. Die Therapeuten wiederum hätten in diesem Moment eine eher beratende und Weichen stellende Funktion – dem Patienten zur bestmöglichen Therapie zu raten.

Wertschätzender Austausch

Mit einem Sektempfang ließ der VPP den Abend – nach einem Grußwort von der Präsidentin des BDP, Sabine Siegl, und der Würdigung der Verdienste der Ehrenvorsitzenden des VPP, Dr. Helga Schäfer – ausklingen. Damit bot sich den zahlreichen Gästen nochmals die Möglichkeit, sich weiter mit ihren Kollegen zu den angesprochenen Themen auszutauschen.
Tatsächlich erreichte der VPP mit seinem Symposium das selbst gesetzte Ziel des „kritischen wie wertschätzenden Austauschs“ – zwischen verschiedenen Therapieschulen, zwischen Praktikern und Wissenschaftlern, zwischen Politik, Recht und Anwendung.

Die vollständigen Zusammenfassungen der Vortragstexte der Referenten des VPP-Symposiums erhalten Sie im neuen Heft von VPP aktuell.

Susanne Koch

27.9.2013

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