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GKV-Spitzenverband: Reform des Angebots an ambulanter Psychotherapie

Zusammenfassung und Kommentar

Der VPP im BDP wendet sich entschieden gegen die vom Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV-Spitzenverband) vorgeschlagenen Änderungen sowohl der Psychotherapierichtlinien wie auch der Psychotherapievereinbarung.

Änderungen im Positionspapier

Im Positionspapier „Reform des Angebots an ambulanter Psychotherapie“ des GKV-Spitzenverbands werden folgende Änderungen vorgeschlagen:
Zunächst solle es ein bis zwei Sprechstunden zur Eingangsberatung geben. Ziel sei dabei die Feststellung der Indikation und die Beratung über geeignete Maßnahmen der Behandlung. Zudem solle es nur noch drei (statt fünf) verbindlich zu erbringende probatorische Sitzungen geben. Deren Vorbedingung sei der Einsatz psychometrischer Verfahren. Anschließend habe der Patient Anspruch auf eine Kurzzeittherapie mit zwölf Behandlungsstunden. Diese sei anzeigepflichtig: Sie muss den Kassen gemeldet werden, eine Inanspruchnahme erfolgt mittels Krankenversichertenkarte. Ein aufwendiges Gutachten entfällt.

Sechs Wochen Therapieunterbrechung

Anschließend könne der Patient erst nach einer verpflichtenden Therapieunterbrechung von mindestens sechs Wochen weitere zehn Behandlungsstunden in der Kurzzeittherapie erhalten. Auch diese seien anzeigepflichtig und setzten den Einsatz psychometrischer Verfahren voraus.
Insgesamt absolviere der Patient – inklusive Probatorik – 25 Sitzungen.

Antrag auf Langzeittherapie

Möglich sei jedoch auch der Antrag auf Langzeittherapie nach den ersten zwölf Behandlungsstunden. Die Antrags- und Genehmigungspflicht solle bei der Langzeittherapie weiterhin bestehen und auch das das Gutachterverfahren solle an dieser Stelle weiter obligatorisch sein. Zusätzlich werde der Einsatz psychometrischer Verfahren vorausgesetzt.
Die Gesamtbehandlungszeit in der Langzeittherapie solle auf insgesamt 50 Stunden – inklusive probatorischer Sitzungen – beschränkt werden.
Fortführungsanträge in der bisherigen Form seien nicht mehr vorgesehen, stattdessen eine Verlängerung nach Einzelfallentscheidung der Krankenkassen. Dieses Kontingent wurde nicht genauer beziffert.
Therapiefortführungen seien jeweils antrags- und genehmigungspflichtig, setzten den Einsatz psychometrische Verfahren sowie des Gutachterverfahrens voraus.
Der Behandlungserfolg solle am Therapieende durch psychometrische Verfahren erfasst werden.
Insgesamt solle zudem das gruppentherapeutische Angebot gestärkt werden.

Bedeutung für Leistungserbringung und Honorierung

Das bedeutet für den Umfang der zukünftigen Leistungserbringung für die Richtlinienverfahren und deren Honorierung:
In der Verhaltenstherapie wird das Konzept der Langzeittherapie übernommen (45 plus fünf probatorische Sitzungen), mit der Bedingung, dass die Probatorik voll zu erbringen ist. Ein finanzieller Nachteil für Verhaltenstherapeuten ergibt sich nicht. Die psychometrischen Leistungen werden nicht honoriert. Dies bedeutet etwa eine Stunde zusätzliche Arbeit ohne Honorierung – also eine Kürzung um rund 0,38 Prozent.

In der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie wird die Langzeittherapie um fünf Stunden auf 45 gekürzt. Dies bedeutet auch eine Honorarkürzung um fünf Stunden (Probatorik statt genehmigungspflichtiger Leistung), also um insgesamt 99 Euro, rund 0,4 Prozent. Da die psychometrischen Leistungen nicht honoriert werden, bedeutet dies auch für tiefenpsychologisch fundiert arbeitende Therapeuten etwa eine Stunde zusätzlicher Arbeit ohne Honorierung, also eine zusätzliche Kürzung um rund 0,38 Prozent.

In der analytischen Psychotherapie bedeutet eine Kürzung der Langzeittherapie um ganze 115 Stunden mehr oder weniger eine komplette Abschaffung des analytischen Settings.

Für alle gilt, dass der Wegfall der Genehmigungspflicht bei der Kurzzeittherapie sowohl die Mindesthonorierung gemäß der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts nicht mehr automatisch garantiert und die Vorab-Wirtschaftlichkeitsprüfung durch das Gutachterverfahrens entfällt.

Weitere psychotherapeutische Leistungen

Die Möglichkeit der Erbringung weiterer psychotherapeutischer Leistungen ist wie bisher gegeben – nicht mehr als Fortführung der Langzeittherapie, sondern als antrags- und berichtspflichtige Einzelfallentscheidung der Krankenkassen (bisheriger zweiter Fortführungsantrag, der erste Fortführungsantrag entfällt).
Die Größe des Balkens in der schematischen Übersicht der Vorstellungen des GKV-Spitzenverbandes legt eine Begrenzung dieser Bewilligung auf etwa 20 Stunden nahe. Das würde einer maximalen Langzeittherapie-Dauer von 70 Stunden entsprechen. Dieses ist die rechnerische Mitte zwischen dem 1. Fortführungsantrag für Verhaltenstherapie (60 Stunden) und tiefenpsychologisch fundierter Therapie (80 Stunden) der zurzeit gültigen Richtlinien.

Häufigkeit des Anspruchs

Es fehlt im Positionspapier der Hinweis oder eine Vorstellung, wie häufig ein Versicherter Anspruch auf psychotherapeutische Leistungen hat. Sofern dieses Procedere jährlich möglich ist, ist für den Einzelfall möglicherweise keine Verschlechterung in der Versorgung zu sehen.

Anderes Verständnis psychischer Erkrankungen

Dennoch: Dieser kursorische Überblick offenbart ein anderes Verständnis der Krankenkassen von Psychotherapie, psychischen Erkrankungen und der daraus resultierenden Versorgung psychisch Erkrankter als es in der Profession wie auch in der Legaldefinition festgeschrieben ist.
Die Forderung nach Psychometrie – was immer der Spitzenverband sich darunter vorstellt – belegt ein Krankheitsverständnis auch im psychischen Bereich, das Krankheit messbar und ab einem bestimmten Messpunkt bestimmbar und behandlungsbedürftig und/oder -pflichtig macht. Dass gerade diese Pseudo-Objektivität missbraucht werden kann, wird verleugnet. Früher galt zum Beispiel Bluthochdruck dann als solcher, wenn der systolische Blutdruck 100 mmHg plus Lebensalter überstieg, heute gilt ein Messwert von mehr als 140 mmHg als Bluthochdruck. Die Pharmalobby hat gesiegt.

Kontrollbedürfnis der Krankenkassen

Die Forderung nach Psychometrie – wo immer die Daten gespeichert werden sollen – belegt ein Kontrollbedürfnis der Krankenkassen, das sich wenig um den Datenschutz ihrer Versicherten schert und scheinbar objektives und extrem leicht zu missbrauchendes Datenmaterial anhäuft.

Ganzheitliche Sichtweise

Die Profession – auch wenn sich einige Forscher extrem eindimensional behavioral zu positionieren scheinen – sieht einen Behandlungsbedarf für Psychotherapie immer dann gegeben, wenn der zu Behandelnde ganzheitlich gesehen wird und über das situationsangemessen Gebotene hinaus länger leidet. Es geht nicht ausschließlich um die Einwirkung auf sogenannte Störungen und/oder um die Definition und Abgrenzung von Störungen im Verhältnis zu Nichtgestörtem bzw. Nichtgestörten, sondern um das einlinige Modell des Menschen in seinen unterschiedlichen Stadien: zwischen nur gesund einerseits und nur krank andererseits. Der Mensch sucht psychotherapeutische Hilfe, nicht die Depression.
Die Profession hat kein einheitliches, vor allem kein über alle Zeiten hinaus festgelegtes Bild davon, ab wann, wer, wie, wo zu behandeln ist. Weil sie die Unterschiedlichkeit des Individuums wie seiner kulturellen und sozialen Gegebenheiten wertschätzt und im Behandlungskonzept berücksichtigt.

Versorgung so nur pseudosichergestellt

Die Versorgung kann nicht über Reglementierung und Verringerung der Leistungen der nach wie vor zu wenigen zugelassenen Behandler pseudo-sichergestellt werden. Die sogenannten Bedarfszahlen, die die Überversorgung in Ballungsgebieten belegen wollen, beruhen unter anderem nach wie vor auf dem Fehler der Festlegung der Behandlerzahlen der zum 31. August 1999 Zugelassenen. Der Abbau von Fehl- und Unterversorgung kann und darf nicht zu Lasten der Patienten umgesetzt werden.

Patientenfeindliche Vorschläge

Der VPP im BDP unterstützt alle Bemühungen, dieses einseitig behavioral, vermeintlich kostengünstige, patientenfeindliche Positionspapier des GKV-Spitzenverbandes in seiner großen Fragwürdigkeit zu diskutieren und darauf einzuwirken, dass unsere Vertreter in den Entscheidungsgremien – vor allem im Gemeinsamen Bundesausschuss – erfolgreich für eine innerhalb der Profession mit sehr großer Mehrheit getragene Änderung der Psychotherapierichtlinien streiten.

Uschi Gersch
Beisitzerin im Bundesvorstand des VPP im BDP

16.12.2013

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