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Dieter A. TscheulinNachruf auf Dieter A. Tscheulin

Dieter A. Tscheulin starb völlig unerwartet am 5. Dezember 2013 in Würzburg. Geboren am 21. August 1938 in Lörrach, ist sein Wirken von 1967 bis zu seiner Pensionierung 2003 eng mit der dortigen Universität und mit der Entwicklung der Psychotherapie in Deutschland verbunden. Nach Studien in Freiburg, München und Heidelberg wurde er 1973 in Würzburg promoviert und habilitierte sich dort 1989 mit einer Arbeit über „Wirkfaktoren psychotherapeutischer Intervention“, die 1992 bei Hogrefe erschienen ist (Neuauflage 2001 sowie unter opus.bibliothek.uni-wuerzburg.de/volltexte/2013/7762/ ). 1989-1990 vertrat er den Lehrstuhl von Reinhard Tausch in Hamburg und wurde 1996 zum außerplanmäßigen Professor der Universität Würzburg ernannt. 1999 erfolgte seine Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten, nachdem er schon seit vielen Jahren als Ausbilder für Gesprächspsychotherapie tätig war. 1970 richtete er eine der ersten (wenn nicht die erste) „Forschungsstelle und Praxis für Gesprächspsychotherapie“ ein, gehörte im gleichen Jahr zu den Hamburger Gründern der „Gesellschaft für wissenschaftliche Geprächspsychotherapie“ sowie 1974 zu den Initatoren und Veranstaltern des „1. Europäischen Kongresses für Gesprächspsychotherapie“ in Würzburg. Er ist einer der Pioniere der Psychologischen Psychotherapie in Deutschland, der die Entwicklung der Psychotherapie praktisch und wissenschaftlich über mehr als drei Jahrzehnte förderte.

Dieter Tscheulin war der „geborene“ Psychotherapeut, der in dem humanistischen Ansatz von Carl Rogers seine Identität als Wissenschaftler, akademischer Lehrer, psychotherapeutischer Ausbilder und Praktiker gefunden hatte. In beispielhafter Weise verband er wissenschaftliche Forschung mit der Umsetzung nicht nur in der klinisch-psychologischen Praxis und in der Lehre, wie darüber hinaus – keineswegs selbstverständlich - in der alltäglichen Kommunikation. Seine Kolleginnen und Kollegen ebenso wie seine vielen Studierenden schätzten ihn für seine stete Bereitschaft zuzuhören, wesentliche Dinge auf den Punkt zu bringen und im Gespräch gemeinsam weiter zu entwickeln. Sehr viele Studierende verdanken seinem Beispiel und Engagement den Zugang zur Psychotherapie und durch seine langjährige Tätigkeit als Ausbilder für Psychotherapie auch Wesentliches für ihre psychotherapeutische Kompetenz.

 In seinen wissenschaftlichen Arbeiten zur Psychotherapie entwickelte Tscheulin ein beeindruckendes Forschungsprogramm, das gleichermaßen theoretische, empirische, methodische und anwendungsbezogene Aspekte einschloss. Er war angetrieben von dem Bemühen zu verstehen, wie Psychotherapie wirkt, wie Klienten am besten geholfen werden kann und welchen Beitrag wir Psychotherapeuten dazu liefern können. Vor diesem Hintergrund verfolgte er die Frage, welche Faktoren allgemein für psychotherapeutische Veränderungen hilfreich sind und wie die unterschiedlichen Voraussetzungen der Patienten in der Behandlung zu berücksichtigen sind. Er räumte mit der Vorstellung auf, dass „therapeutisches Basisverhalten“ nur ein Synonym für das Allerweltskonzept der „therapeutischen Beziehung“ ist, sondern dass dieses ebenso Techniken, Regeln oder Fertigkeiten zur Bewältigung von Problemen umfasst. Seine Arbeiten haben somit unmittelbare Konsequenzen für das praktische Handeln in der Psychotherapie: Aus seinen Ergebnissen entwickelte er konkrete Strategien dafür, wie die psychotherapeutische Beziehung bei unterschiedlichen Patienten zu gestalten ist, um Veränderungen bestmöglich zu fördern.

Seine Vorstellung von der Klinischen Psychologie und Psychotherapie war geprägt durch drei Ziele: Erstens sah er die Notwendigkeit, grundlagentheoretische Ansätze mit anwendungsbezogenen wissenschaftlichen Fragestellungen zu verknüpfen, um die enge Wechselbeziehung zwischen Forschung und Praxis zu fördern und so die Anwendbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse zu gewährleisten; damit trug er dazu bei, die oft beklagte „Kluft zwischen Theorie und Praxis“ zu überwinden. Zweitens galt sein besonderes Interesse der Beziehungsgestaltung, vor allem im therapeutischen Kontext; hierin sah er eine der großen Herausforderungen für eine klientenzentrierte Psychotherapie, die nicht nur zu allgemeinen, sondern auch zu differentiellen Aussagen und Handlungsindikationen kommt. Drittens trug er selbst, gemeinsam mit einer großen Zahl von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dazu bei, die psychotherapeutischen Erkenntnisse empirisch voranzutreiben, indem er sie an großen klinischen Stichproben und in langjähriger Kooperation mit klinischen Einrichtungen untersuchte.

Wer Dieter Tscheulin kannte, bewunderte seine Gabe, wissenschaftliche Überzeugungen zu leben und jederzeit im gemeinsamen Gespräch erfahrbar zu machen. Er war immer sehr präsent, authentisch, aufmerksam und zugewandt. Er liebte das Leben, war dankbar für alles, was ihm gegeben wurde, war ein verläßlicher Freund, ein Liebhaber griechischer Lebensweise, ein kreativer Geist, dem sprachliche Amerikanismen immer eine spöttische Bemerkung wert waren. Wir werden ihn sehr vermissen.

Reiner Bastine, Heidelberg

23.4.2014

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