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Wallraff-Reportage – Missstände in Psychiatrien und Jugendhilfe

Bericht vom 25.04.19

Am 18.03.19 sendete RTL eine 80-minütige Sendung des Formats „Team Wallraff – Reporter undercover“ zum Thema Missstände in Psychiatrien und Jugendhilfeeinrichtungen. Das investigative Journalisten-Team schleuste über einen Zeitraum von über einem Jahr Reporter als Praktikanten in vier Einrichtungen: Die Psychiatrie im Klinikum Frankfurt Höchst, das Vivantes Klinikum Berlin-Spandau, die (Jugend-)Einrichtung CASE Project Wanderath (Eifel) und das Furtbachkrankenhaus in Stuttgart.
Die Sendung zeigt in zum Teil reißerischen Ausmaß durch Aufnahmen mit versteckter Kamera, Ehemaligenberichte und Experteninterviews Missstände wie Hygienemängel (verschmutze Einrichtungen, verspätete Reinigung einer Ecke, in die uriniert wurde), fragwürdige Behandlungsmethoden (z. B. Timeout-Räume, indirekte und direkte Bestrafungsmethoden), Behandlungsfehler (z. B. zu kurze Visiten, Medikamentengabe ohne Wissen des Behandelten, fachliche Inkompetenz bzgl. der Medikamentenzuordnung, Fehlen psychiatrischer Diagnosen, überforderte Behandler, offene Stellen) und menschenunwürdige Behandlung (z. B. Überbelegungen, unbeaufsichtigtes Einsperren, sarkastische Bemerkungen und Misshandlungen durch Behandler, zu lange Fixierungen). Zum Schluss wird ein Positiv-Beispiel des St. Marien-Hospitals im nordrhein-westfälischen Herne-Eickel gebracht – ohne versteckte Kamera.
Der Enthüllungsbericht verursachte ein riesiges Medienecho, sowohl in der Presse, als auch in den sozialen Medien. Die Sendung erhielt an diesem Abend die höchste Einschaltquoten bei der Gruppe der 14 bis 49-jährigen (1,55 Mio.) – insgesamt 2,74 Mio. Menschen sahen Team Wallraff im Fernsehen.
In die Kritik geriet die Sendung aufgrund der Verletzungen von Persönlichkeitsrechten der Behandler und Behandelten sowie aufgrund der fragwürdigen Berichterstattung. Zahlreiche Abmahnungen und weiteren juristischen Androhungen gingen noch vor Ausstrahlung beim Sender ein, die Sendung sollte zunächst verhindert werden, was nicht gelang. Juristische Folgen drohen dem RTL-Team dennoch.
Während das Klinikum Frankfurt Höchst und die Case Project GmbH die Vorwürfe in je einer Stellungnahme zurückwiesen, räumte das Klinikum Vivantes Berlin-SpandauMissstände zum Teil ein. Von allen drei betroffenen Einrichtungen wurde jedoch auch die skandalisierende Berichterstattung scharf kritisiert, die Situationen aus dem Zusammenhang reißen und teilweise falsch darstellen würde. Eine Stellungnahme des Furtbachkrankenhauses Stuttgart fehlt derzeit online.
Auch auf Verbandsebene gab es Reaktionen. Die Deutsche Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie e. V. (DGSP) forderte in ihrer Stellungnahme, die sofortige Überprüfung der Situation in den Einrichtungen, die „menschenunwürdige Zustände in Psychiatrien und Jugendhilfeeinrichtungen sind anzuklagen und sofort abzustellen!“ Der Bundesverband Psychiatrie-Erfahrener e. V. (BPE) teilte dem VPP gegenüber mit: „Leider wurde wie immer eine "bessere Psychiatrie" beschworen, ein "guter" Psychiater kommentier [sic!], ohne dass der Schritt gemacht wurde, die Struktur der Zwangspsychiatrie aufzudecken, dass das Einsperren der Anfang allen Übels ist“  und bezieht sich hiermit u. a. auf die kürzlich veröffentlichte Stellungnahme zum Gesetzesentwurf zur Stärkung der Rechte von Betroffenen bei Fixierungen im Rahmen von Freiheitsentziehungen, in der der Verband auf Völker- und Menschenrecht verweist und Fixierungen allgemein ablehnt sowie psychiatrische Behandlungen zum Teil in Frage stellt. Sylvia Kornmann, Vorstandsmitglied des Landesverband Psychiatrie-Erfahrene Hessenfordert den zügigeren Aufbau einer Beschwerdestelle für Psychiatrie-Patienten und Besetzung mit bezahlten Kräften: "Der Staat muss umdenken und dafür bezahlen".
Auch vor dem Hintergrund der vielseitigen, kürzlichen Kritik am „Entwurf eines Gesetzes zur Stärkung der Rechte von Betroffenen bei Fixierungen im Rahmen von Freiheitsentziehungen“ reagierte die Politik auf die in der Sendung gezeigten Missstände. So wurde in einer Pressekonferenz des Hessischen Sozialministers Kai Klose (Bündnis 90/Die Grünen), der Geschäftsführerin des Klinikums Frankfurt Höchst Dorothea Dreizehnter sowie des Frankfurter Gesundheitsdezernenten Stefan Majeram am 28.03.19 in Wiesbaden betont, dass das Team Wallraff einiges in Bewegung gesetzt habe. Aufklärung und Konsequenzen wurden versprochen. Eine Fachaufsicht habe das Klinikum Frankfurt Höchst zeitnah überprüft und ein externes Gutachten wurde von der hessischen Landeregierung und der Stadt Frankfurt angefordert. Die Begehung durch das hessische Sozialministerium und das Frankfurter Gesundheitsamt habe keine Beanstandungen ergeben, jedoch geriet das Vorgehen wiederum in die Kritik, da die Kontrollen angekündigt gewesen und nur wenige Stationen kontrolliert worden seien. Weiterhin sei der externe Gutachter, Hans-Joachim Kirschenbauer, der mittlerweile vom Klinikum selbst benannt worden sei, ein ehemaliger Mitarbeiter der Klinik und Untergebener des jetzigen Chefarztes der Psychiatrie Michael Grube gewesen. Das Klinikum verweise darauf, dass die Stadt Frankfurt und das Land Hessen Herrn Kirschenbauer als externen Berater vorgeschlagen hätte.

Zusammenfassende Einschätzung
Die dargestellten Missstände sind schockierend, menschenunwürdig und fachlich inakzeptabel. Der Bericht erscheint zwar reißerisch, aus dem Zusammenhang gerissen und evtl. auch falsch zusammengeschnitten, falls jedoch nur ein Bruchteil des Gezeigten den Tatsachen entsprechen sollte, dann ist dies scharf zu verurteilen. Auch der Umgang mit der Sendung ist zu kritisieren. Statt nach Lösungen oder Verbesserungen zu suchen, entsteht der Eindruck, dass die Einrichtungen zum Großteil versuchen, die Schuld von sich zu weisen. Die Aufklärungsarbeit wirkt pro forma, unmotiviert und nicht neutral. Aber auch die Berichterstattung von RTL ist meiner Meinung nach zu kritisieren, da gegen Persönlichkeitsrechte verstoßen wurde.
Mögliche Forderungen:
- Stellungnahme Furtbachkrankenhaus Stuttgart
- Politisches Engagement neben Frankfurt auch in den anderen Fällen
- Unvoreingenommene Aufarbeitung durch neutrale externe Gutachter
- Soweit gesetzlich erlaubt unangekündigte Kontrollen und zwar langfristig
- Verantwortungsübernahme und Konsequenzen bei Rechtsverstößen
- Stellenneubesetzung bei unbesetzten Stellen (Psychologe Berlin Spandau)
- Novellierung State of the Art Psychiatrie
- Konsequenzen für Persönlichkeitsrechtsverstöße Team Wallraff

Zum Weiterlesen:

Beispiele Pressereaktionen:
2. 22.03.19 Eppendorfer Zeitung für Psychiatrie und Soziales
3. 19.03.19 Stern
4. 19.03.19 Berliner Zeitung

Beispiel Reaktion in den sozialen Medien:
5. 19.03.19 watson

Weiterführende Pressereaktionen:
05.04.19 morgenweb.de
21.03.19 hessenschau.de
21.03.19 tag24.de
20.03.19 Der Westen
19.03.19 focus.de
19.03.19 meedia.de
19.03.19 tagesspiegel.de


Vorbemerkung: Ich habe die Sendung nur im 20-minütigen, da kostenfreien, Ausschnitt gesehen. Meine Informationen bezog ich darüber hinaus aus den aufgeführten Links und den Materialien im Anhang. Hier sind auch weiterführende Links aufgeführt, die oben nicht zitiert wurden.

Julia Zick

28.4.2019

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