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Mögliches Aus für Konversionstherapien in Deutschland

Es war ein langer Weg. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts wurde versucht, die sexuelle Orientierung mit Hilfe von Therapien zu verändern, mit katastrophalen Folgen, denn: Zu den negativen und schädlichen Effekten würden neben Ängsten u. a. soziale Isolation, Depressionen und erhöhte Suizidalität zählen. Nun könnte bald das endgültige Aus für sogenannte „Konversions-“, „Reparativtherapien“ und Co. kommen. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verkündete Mitte Februar 2019, diese Therapieformen verbieten zu wollen und bekam sogar Unterstützung von den oppositionellen Grünen. In diesem Zusammenhang wurde von der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld eine 49-köpfige Kommission gegründet, die von Spahn am 10.04.19 ins Gremium berufen wurde. Ziel sei es, den Umgang anderer Länder mit Konversionstherapien zu untersuchen und Vorschläge für ein wirksames rechtliches Verbot dieser „Therapie“formen in Deutschland zu unterbreiten.

Die Kommission setzt sich aus Mitgliedern aller Bundestagsfraktionen (außer AfD), der ev. und kath. Kirche, dem Zentralverband der Muslime in Deutschland, dem Zentralrat der Juden sowie aus Ärzte- und Psychotherapeutenkammern, Verbänden von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern, der Charité Berlin, WissenschaftlerInnen der Universitäten München, Bremen und Leipzig sowie Pro Familia zusammen. Im Mai und Juni 2019 sollen Tagungen zum Fach- und Erfahrungsaustausch stattfinden, damit noch vor der Sommerpause ein Maßnahmenkatalog samt eines Verbots der Konversionstherapien vorgelegt werden könne. Für Herbst 2019 sei dann ein gemeinsamer Abschlussbericht der Bestandsaufnahme vom Bundesministerium für Gesundheit und der Hirschfeld-Stiftung geplant. Eine Verabschiedung eines möglichen Gesetzes werde frühestens für Ende des Jahres erwartet.

Kritisiert wurde, dass neben dem hohen Expertenaufkommen aus dem medizinischem Bereich und durch Betroffene lediglich vier Juristen in der Kommission seien. Auch ist noch nicht geklärt, ob ein Verbot der Konversionstherapien verfassungsrechtlich überhaupt möglich ist, da dem das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit entgegen liegen könnte. Bußgelder, wie es die Grünen im Februar 2019 per Gesetzesentwurf im Bundestag vorgeschlagen haben, seien nicht abschreckend genug, so Spahn. Er fordert, dass es keine Vergütung für solche Angebote geben dürfe, was im Sozialrecht festzuhalten sei. Für das Strafrecht sei es noch fraglich, welches Strafmaß angemessen sei.

Konversions- oder Reparativtherapien wurden insbesondere in den 60er und 70er Jahren angewandt, heute jedoch von der Fachwelt weitestgehend abgelehnt. Aktuell wird der Ansatz der Konversions- und Reparativtherapien noch insbesondere von VertreterInnen christlich-evangelikaler Kirchen befürwortet. In den USA würden diese „Therapien“ in streng religiösen Einrichtungen häufig kostenlos und somit nicht illegal angeboten. In Deutschland sind unter anderem der Verein Leo e.V. in Sachsen-Anhalt und das Institut für dialogische und identitätsstiftende Seelsorge und Beratung e.V. (ehemals „wuestenstrom") im Zusammenhang mit Homophobie und Konversionstherapien in die Kritik geraten, was beide Einrichtungen auf ihren Homepages dementieren.

Hintergrund:
Homosexualität wurde bis zum Jahr 1974 als psychische Störung betrachtet. In Folge gesellschaftspolitischer und wissenschaftlicher Debatten wurde Homosexualität von der American Psychological Association (APA) 1974 aus der Liste der psychischen Störungen gestrichen. 1992 zog schließlich der ICD-10-Katalog nach.
Die APA kam 2009 nach einer umfassenden Studie außerdem zur Auffassung, dass die Wirksamkeit von Konversionstherapien nicht bewiesen werden könne. Sie wiederholte, dass Homosexualität keine psychische Erkrankung sei. Eine Änderung der sexuellen Orientierung sei sehr unwahrscheinlich, könne sogar negative Auswirkungen haben und mögliche Stigmatisierungen vergrößern.
Die World Medical Association (WMA - Weltärztebund) verurteilte 2013 Äußerungen, dass Homosexualität eine Erkrankung sei und lehnte dementsprechend auch die Konversions- und Reparativtherapien als unethisch ab.
Der 117. Deutscher Ärztetag sprach sich 2014 deutlich gegen jegliche Stigmatisierung, Pathologisierung oder Benachteiligung von Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung aus und forderte die Streichung von Diagnosekategorien, die Homosexualität pathologisieren oder die Möglichkeit von Behandlungen oder Therapien als Option nahelegen.
2018 räumte auch der Vatikan ein, dass Homosexualität keine Krankheit sei, und missbilligte daher psychiatrische Behandlung aufgrund der sexuellen Orientierung.

Zum Weiterlesen:
12.02.08 dipbt.bundestag.de/doc/btd/16/080/1608022.pdf
05.08.09 apa.org/about/policy/sexual-orientation.pdf
21.10.13 wma.net/news-post/wma-condemns-portrayal-of-homosexuality-as-a-disease/
30.05.14 bundesaerztekammer.de/aerztetag/aerztetage-der-vorjahre/117-daet-2014-in-duesseldorf/presseinformationen/homosexualitaet/
28.08.18 tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/katholische-kirche-vatikan-aendert-papst-zitate-zur-psychiatrischen-behandlung-homosexueller-kinder/22957736.html
15.02.19 zeit.de/politik/deutschland/2019-02/konversionstherapie-verbot-jens-spahn-homosexualitaet
20.02.19 dip21.bundestag.de/dip21/btd/19/079/1907932.pdf
25.02.19 queer.de/detail.php?article_id=33060
08.04.19 deutschlandfunkkultur.de/konversionstherapie-wie-homosexuelle-in-den-usa-geheilt.2165.de.html?dram:article_id=445724
12.04.19 tagesspiegel.de/gesellschaft/queerspiegel/jens-spahn-setzt-kommission-ein-verbot-von-homo-heilung-koennte-ende-des-jahres-kommen/24212810.html
06.05.19 idw-online.de/de/news715082

Julia Zick

26.5.2019

IMPRESSUM | DATENSCHUTZ

26.5.2019

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