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Bericht vom Tag der Psychologie am 20.09.19 in Berlin

Diversität und psychologische Praxis: Dimensionen und Impulse

Am 20.09.19 fand im Haus der Psychologie in Berlin erneut der Tag der Psychologie 2019 statt. „Diversität und psychologische Praxis: Dimensionen und Impulse“ hieß das Motto. Prof. Michael Krämer, Präsident des BDP, eröffnete die Veranstaltung und ging unter anderem auf die Novellierung des Psychotherapeutenausbildungsgesetzes ein, um die Wichtigkeit der Einheit von Psychologie und Psychotherapie zu betonen.

Professor Dr. Susanne Guski-Leinwand (Fachhochschule Dortmund/Friedrich Schiller Universität Jena) hielt ein Grußwort und sprach hierbei die lange ethisch-psychologische Tradition der Diversitätsbetrachtung an. Die (kognitive) Diversität sei für Psychologinnen und Psychologen ein moralischer Imperativ, da sie zur Resilienz führe. Guski-Leinwand verlas außerdem das Grußwort der Schirmherrin der Veranstaltung Annette Widmann-Mauz, Staatministerin für Migration, Flüchtlinge und Integration. Widmann-Mauz sprach ihren Dank an die Psychologinnen und Psychologen aus: „Ihre Arbeit ist ein Integrationsanker“. Es gebe dennoch Hürden für Geflüchtete. „Gesundheitspolitik für alle und mit allen Menschen unseres Landes weiterentwickeln“ sei ein wichtiges Ziel in der Gesundheitspolitik.

Dipl.-Psych. Eva van Keuk, BDP-Präsidiumsbeauftragte für Menschenrechte, hielt ein Grußwort und Plädoyer für die „Veränderung im Habitus“ im Umgang mit Diversität und dankte zeitgleich den bereits erarbeiteten Wegen und engagierten Helfern auf der Diversitäts-Landkarte. Sie kritisierte die Missachtung von Rechten von Geflüchteten in Deutschland, insbesondere seit dem Geordnete-Rückkehr-Gesetz. Die Schwelle für Inhaftierungen sei herabgesetzt worden und eine gemeinsame Unterbringung mit Strafgefangenen sei nun möglich. Hierfür sei auch eine Trennung von Familien vollstreckbar. Unter anderem würden Psychologen und Psychologinnen von Begutachtungen und Einschätzungen in Asylverfahren ausgeschlossen werden. Es könne nicht sein, so van Keuk, dass der Gesetzgeber hier die Berufsgruppe ausschließe, dies sei „im Stillen über die Bühne gegangen“.

Der praxisnahe Vortrag „De-Radikalisierung als Integrationsaufgabe“ von Prof. Dr. Dierk Borstel, Professor für praxisorientierte Politikwissenschaften (FH Dortmund), beschrieb beispielhaft anhand von Erfahrungen in der Arbeit mit Aussteigern aus rechtsextremen Szenen, was Radikalisierung ist und welche Gründe es für den Einstieg, den Verbleib und den Ausstieg aus Gruppierungen geben kann. Es gebe drei Radikalisierungsphasen: Ideologische Aufnahmebereitschaft, die Kontaktphase und die Integration und Rollenzuweisung in der Gruppe. Soziale Medien spielten hierbei, insbesondere bei jungen Menschen, eine große Rolle. Politische Ideologien würden dabei in den ersten beiden Phasen meist überhaupt nicht erwähnt. Der Großteil, der angeworben werde, sei Außenseiter: „Wir sprechen über eine Klientel, die niemand anderes haben will.“ Eine Aufnahme über die Peergroup sei hier leicht möglich. Andere Radikalisierungsgründe seien Zugehörigkeit zu einer radikalisierten Familie oder die Suche nach Ideologien/Sinnfragen/politischem Wandel (oft von Menschen aus dem akademischen Kreis). Arbeit an der Radikalisierung sei immer die „Arbeit am Zweifel, ob ich auf dem richtigen Wege bin“. Ausstiegsmotivationen können Differenz zwischen Theorie und Tat, neue Erfahrungen/Liebe, Perspektivlosigkeit und der eher seltene ideologische Zweifel sein. Kommunikation sei bei alledem der Schlüssel. Zwang, Druck und Gewalt könnten unter anderem einen Ausstieg jedoch enorm erschweren. Borstel sensibilisierte für den langen Weg der De-Radikalisierung: „Kein Ausstieg ist jemals beendet.“ Der Schutz von Aussteigern sei bedauerlicherweise in Deutschland noch nicht zuverlässig genug, staatliche Opferhilfe und Kooperation mit fachlichen Experten würden gebraucht.

In ihrem wissenschaftlichen Vortrag „Diversität und Interkulturalität“ skizzierte Prof. Dr. Petia Genkova (Hochschule Osnabrück) den Diversity-Grundsatz: „Unterschiede zwischen Menschen nicht als negativ zu betrachten, sondern darin eine Bereicherung sehen.“ Sie ging jedoch auch auf die Schwierigkeiten, die Diversität insbesondere im unternehmerischen Kontext bereiten kann, ein. Laut Forschungsergebnissen sei Diversity zwar bei Kreativitäts- und Innovationsaufgaben förderlich, bei Routineaufgaben hingegen schädlich. Ausgerechnet Führungskräfte würden die Relevanz von Diversity-Themen jedoch nicht genug beachten. Insbesondere interkulturelle Kompetenzen müssten gefördert werden, so die Botschaft von Genkova.

Nach der Mittagspause fand unter der Leitung von Frau Genkova die Preisverleihung des Schreibwettbewerbes „Vision – Psychologie in der Zukunft“ statt. Den 3. Platz konnte Kimia Niaskar, den 2. Platz Senta Gehring und den 1. Platz Esther Theresia Büscher einnehmen. Die Essay-Beiträge der Schülerinnen sowie eine Sonderplatzierung werden in der „report psychologie“ des BDP erscheinen.

Danach ging es zügig mit der Workshop-Runde am Nachmittag weiter. Im Workshop „Diversitätsaspekte in der psychotherapeutischen Arbeit mit psychisch belasteten Geflüchteten“ ging van Keuk leb- und bildhaft auf die Zunahme von Patientinnen und Patienten mit Fluchterfahrungen in der Regelversorgung ein. Besonderheiten im Umgang mit dieser Gruppe wurden in der austauschfreudigen Workshop-Gruppe herausgearbeitet, um Behandelnde gut auf die Arbeit mit Geflüchteten vorzubereiten. Beispielsweise sei die Machtasymmetrie in der Psychotherapie mit Geflüchteten noch stärker als andernfalls. Die Rechtslage und das hohe Ausmaß an Stressbelastung, das diese Gruppe mit sich bringe, seien zunächst „Störfaktoren in der Psychotherapie“. Die Resilienz und „Power“, die Geflüchtete meist aufweisen würden, sei im Verlauf der Therapie hingegen sehr hilfreich. Der achtsame Beziehungsaufbau sei in der Arbeit mit Geflüchteten daher besonders wichtig und lohnend. Weiterhin sensibilisierte die Workshop-Gruppe dahingehend, dass Diversität vom Kontext abhängig sei. Van Keuk forderte daher für die Versorgung die „Bereitschaft von allen“, sich mit dem Thema Diversität zu beschäftigen und in der Praxis auf Kulturunterschiede Rücksicht zu nehmen. Zunächst müssten Gemeinsamkeiten, dann Unterschiede wahrgenommen werden. Im nächsten Schritt gelte es, Bedürfnisse und Ziele zu klären, um dann schließlich Strukturen verändern zu können.

Im Abschlussplenum fand unter der Moderation von Guski-Leinwand eine spannende Podiumsdiskussion mit den Referierenden und Studentinnen statt. Letztere berichteten über ihre Erfahrungen mit dem Tag der Psychologie und den Workshops. Zentrale Botschaften, die in der Diskussion mit dem Publikum entstanden, waren der Bedarf nach einer frühzeitigen Schaffung von Diversitätskompetenz, die Forderung an Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen dem Thema aufgeschlossener zu begegnen und das generelle Hinterfragen der Normativität in der Psychologie, die die Gefahr berge, Pathologie fortzuschreiben.
Im anschließenden Get-together konnten Fragen vertieft und Kontakte geknüpft werden.

Persönlicher Eindruck und Meinung:
Die Veranstaltung nahm über den Tag hinweg an Fahrt auf und endete in spannenden, gesellschaftspsychologischen und -kritischen Dialogen. Das Thema Diversität scheint in der Psychotherapeutenschaft noch nicht ausschöpfend behandelt worden zu sein. Der Tag regte zur Selbstreflexion an und behandelte am Tag des weltweiten Klimastreiks ein weiteres gesellschaftspolitisch höchst brisantes Thema.

Julia Zick

29.9.2019

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