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Bericht vom APK-Selbsthilfetag „Neue Wege der Selbsthilfe – Teilhabe und Selbstbestimmung“ am 30.10.2019 in Berlin

In Kooperation mit der Aktion Psychisch Kranke e. V. (APK), dem Bundesnetzwerk Selbsthilfe seelische Gesundheit (Netz G), dem Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e. V. (BApK),  der Deutschen Depressionsliga (DDL), der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e. V., EX-IN Deutschland e. V., dem GeschwisterNetzwerk, MutTour und der Deutschen Gesellschaft für Bipolare Störungen e. V. (DGBS) fand im Rahmen der APK-Jahrestagung 2019 am 30.10.2019 der jährlich stattfindende Selbsthilfetag zu dem Thema „Neue Wege der Selbsthilfe – Teilhabe und Selbstbestimmung“ statt. Knapp 100 Vertreter aus den unterschiedlichsten Bereichen des Gesundheitswesens und der Selbsthilfeorganisation waren der Einladung gefolgt. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) und das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) stellten Finanzmittel bereit.

Eröffnet wurde die Veranstaltung von Franz-Josef Wagner vom Netz G, der kurz den Weg der Selbsthilfe skizzierte. Weiterhin ehrte er Frau Dorothea Buck, eine Wegbereiterin des Trialogs in der Psychiatrie, die am 09.10.19 in Hamburg verstorben ist.

Dr. Rolf Schmachtenberg, Beamteter Staatssekretär im BMAS, hielt einen Vortrag über „Selbstbestimmung und Krisenhilfe“. Hintergrund sei das Bundesteilhabegesetz (BTHG), das als eigenständiges Gesetz im SGB IX ab 01.01.2020 in Kraft trete. Schmachtenberg stellte das Projekt zur Selbstbestimmung und Krisenhilfe innerhalb des Gesetzes vor. Das BMAS stelle die Finanzierung der Umsetzung und habe zudem die Fachstelle Teilhabeberatung eingerichtet. Unter www.teilhabeberatung.de könnten Betroffene einen Beratungsatlas finden, der das nächstliegende Angebot zur Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) heraussuche. Schmachtenberg ging weiterhin auf das Peer-Counselling (Betroffene beraten Betroffene) ein, das mittlerweile ein großes bundesweites Netzwerk aufweisen könne. Es gebe eine hohe Zustimmungsrate der Nutzer, aus den Kommunen kämen hingegen kritische Rückmeldungen. Schmachtenberg nehme dies „sportlich“, denn ein gutes EUTB-Angebot gehe unter Umständen „den Kommunen auch auf die Nerven“. Teilweise gebe es jedoch auch noch Ausfälle, weswegen es noch Verbesserungsbedarf gebe. Ein weiteres Ziel des Projektes sei die Stärkung von Selbsthilfe-schwachen Regionen.

Dr. Elke Prestin, Sprachwissenschaftlerin und Redakteurin, Schwerpunkt Öffentlichkeitsarbeit, derzeit in der Versorgungsforschung Psychiatrie tätig (Kommunikation in der Psychiatrie und Engagement für die Interessen psychisch Erkrankter), referierte über die Handlungsbedarfe für eine bessere Psychiatrie und bekam hierfür aus dem Publikum viel Zuspruch. Sie betonte: „Genesungswege sind individuell.“ Daher lobte Prestin auch, dass in der S3-Leitlinie „Recovery“ und „Empowerment“ als Grundlagen psychosozialen Handelns auftauchen, auch die Selbsthilfe finde in der Leitlinie Erwähnung. Sie fordere jedoch eine konsequentere Nutzung der Möglichkeiten des BTHG, z. B. die zusätzliche Sicherung und Stärkung der EUTB. Als weitere Idee nennt sie die Förderung des „Supported Employment“. Nach dem Motto „erst platzieren, dann trainieren“ sollen Betroffene zunächst einen Arbeitsplatz bekommen, um dann in diesem trainiert zu werden und nicht umgekehrt. Prestin riet jedoch auch zur Vorsicht, vor einzelnen „Interventionen“, bei denen die Betroffenen schnell von Handelnden zu Behandelten werde: „Aufpassen, dass Recovery-Konzept uns nicht aus der Hand genommen wird.“ Sie betonte die aktive und selbstbestimmte Rolle und eine differenziertere Sichtweise des Gesundheitsbegriffes. Die Gesellschaft müsse weg vom „Funktionieren müssen“, Stigmata müssten verringert, Teilhabe hingegen gefördert werden. Hierzu sei es essenziell Psychiatrie-Erfahrene zu fördern. Prestin forderte z. B. Psychiatrie-Erfahrene in Aus-, Fort- und Weiterbildung als Lehrende unterzubringen. „Veränderung von Strukturen allein reicht nicht aus, um eine gute Psychiatrie zu machen.“ Prestin schloss, dass das Menschenbild und die Zielsetzung in der Psychiatrie überdacht werden solle.

In der Gesprächsrunde zum Thema „Krisenhilfen“ unter der Moderation von Herrn Jörg Holke (Geschäftsführung APK) diskutierten nach der Mittagspause Horst Harich (Deutsche Gesellschaft für Bipolare Störungen), Hermann Stemmler (Stellvertretender Vorsitzender Netz G), Daniel Renné (Leiter des Referats Psychiatrie im Bayrischen Ministerium für Gesundheit und Pflege und Psychiater) und Gudrun Schliebener (BApK).

Auf die Frage, welche Bedeutung die Krisenhilfe für die Selbsthilfe darstelle, antwortete Schliebener, dass gerade Angehörige und das nähere Umfeld von Betroffenen erste Berührungspunkte bei Krisen darstellen und diese durch die Krisenhilfe daher mehr Unterstützungsmöglichkeiten bräuchten. Sie lobte das bayrische Projekt der flächendeckenden Krisenhilfe. Harich ergänzte, dass es nicht immer institutionelle Krisenhilfe sein müsse, denn auch die Selbsthilfe an sich helfe in Krisen. Stemmler brachte ein, dass herkömmliche Krisenhilfen (z. B. Notarzteinsatz) in Krisensituationen sogar noch zur Eskalation beitragen würden und daher psychisch Erkrankte zusätzlich destabilisieren würden. Oft seien Notärzte nicht spezifisch genug weitergebildet. Er forderte einen dezidierteren, spezialisierten Dienst für psychische Erkrankungen, um Deeskalation zu erreichen. Harich forderte ein Deeskalationstraining für Ärzte. Renné stimmte den beiden Vorrednern zu: „Unsere Argumente, um diese Lücke im System zu schließen.“ Die Expertise der Selbsthilfe solle nach Renné eingebunden werden. Eine Vernetzung der Krisendienste und der Selbsthilfe sei unabdingbar. Das Wissen regionaler Krisenhilfen in Bayern konnte laut Renné gut genutzt werden. Es sei ein Ziel bis Mitte 2021 Krisendienste flächendeckend in Bayern einzurichten. Es solle eine Leitstelle in jeder Region geben (ab 01.07.21 bayernweit rund um die Uhr erreichbar), die Aufträge dann an die entsprechenden Teams weiterleite, die wiederum vor Ort als „mobile Teams“ ausrücken würden.

Holke fragte, wie die Selbsthilfe sich an den Krisendiensten beteiligen könne. Schliebener entgegnete, dass es begrüßenswert sei, wenn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ihre eigene Krisengeschichte einbringen würden. Auf Selbsthilfegruppen hinzuweisen und diese zu empfehlen sei auch hilfreich. Harich fiel ein System in Schleswig-Holstein ein, in dem Betroffene als mobiles Krisenteam herausfahren würden. Selbsthilfegruppen könnten somit also auch bei Krisendiensten helfen. Holke knüpfte daran an, ob Ex-In-Mitarbeiter in die mobilen Teams eingebracht werden sollten. Renné antwortete, dass es in der Krisenhilfe suffiziente und sichere Hilfe bräuchte, auf die sich Betroffene verlassen können müssten. Es müsse sich vor Augen geführt werden, dass diese Situationen potenziell lebensgefährlich für die Betroffenen sein können. Daher seien zum jetzigen Standpunkt diese Stellen mit geschulten, kompetenten Fachkräften zu besetzen. In Zukunft können evtl. auch andere Überlegungen getroffen werden. Stemmler halte es hingegen für relativ risikolos die Teams zumindest zum Teil mit Genesungsbegleitern zu besetzen.

Im Plenum kam anschließend die Frage auf, warum es überhaupt Kriseninterventionsdienste gebe. Vorgelagerte Hilfen auszubauen sei sinnvoller. Hier könne Selbsthilfe mit einbezogen werden. Als Beispiele wurde das Nachtcafé in Bremen und eine Station im Klinikum Bremen genannte, wo es EX-IN-Mitarbeiter gebe. Stemmler stimmte dem zu: „Nach der Krise ist vor der Krise“. Weiterhin wurde im Plenum das Gleichnis „Selbsthilfe = Ehrenamt“ kritisiert. Es müsse eine angemessene Finanzierung etabliert werden, um ein zuverlässiges Netz zu schaffen.

Als letzter inhaltlicher Punkt, fand u. a. in einer kleinen Arbeitsgruppe unter der Moderation von Thomas Voigt (Deutsche Depressionsliga, BDP-Mitglied) und Jörg Holke (Geschäftsführer APK) ein Austausch zum Thema „Grenzen und Chancen E-Mail-Beratung: ein Erfahrungsbericht“ statt. Gemeinsam wurde sich den Fragen gewidmet, was Beratung an sich ist, was für eine Online-Beratung entscheidend sei und schließlich, was Grenzen und Chancen einer E-Mail-Beratung seien.
Der Tag endete mit einem kleinen Abschlussplenum und anschließender Gelegenheit zur weiteren Vernetzung.

Julia Zick

27.11.2019

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