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Bericht: Hauptstadtkongress digital am 17.06.2020

Eigentlich ist der Hauptstadtkongress im Berliner Kongresszentrum City Cube mit zuletzt rund 8500 Teilnehmenden das größte berufspolitische Forum im Gesundheitswesen. Dieses Jahr fiel die dreitätige Veranstaltung, die sonst aus vielen Symposien mit Entscheiderinnen und Entscheidern aus dem Gesundheitswesen besteht, in der klassischen Form jedoch aufgrund der Corona-Pandemie aus. Ersetzt wurde der Kongress durch zwei virtuelle Veranstaltungen, einer Auftaktveranstaltung zur Reflektion der Corona-Pandemie und die Vorstellung des Pflege-Reports.
An der Auftaktveranstaltungen nahmen via Stream ca. 2.500 Personen teil. Wolfgang van den Bergh, Chefredakteur der ÄrzteZeitung eröffnete die Veranstaltung mit der Aussage: „Stell dir vor, es ist Hauptstadtkongress und keiner geht hin“ und ergänzte um die Frage: „Interessiert es auch niemanden?“. Dem war nicht so, viele Menschen hatten im Vorfeld Fragen eingereicht, die von einem Podium in der Berliner Springer Zentrale sowie vom virtuell hinzugeschalteten Bundesgesundheitsminister Jens Spahn beantwortet wurden.

Gute Teamarbeit im Kampf gegen die Pandemie
Insgesamt war man sich einig, dass die aktuelle Krise uns alle auf eine schwere  Probe gestellt hat, und dass das deutsche Gesundheitssystem vorbildlich reagiert habe. Dr. Martina Wenker, Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen fasst zusammen, dass es richtig war, die Krankenhäuser bis auf die Notversorgung leerzuräumen, sei die richtige Entscheidung gewesen. Nun müsse jedoch die Balance zwischen Pandemiebewältigung und Pandemiebekämpfung gefunden werden. Dr. Gerald Gaß, Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft berichtet über die sehr gute Zusammenarbeit der Krankenhäuser, das habe man selbst kaum für möglich gehalten. Vera Lux, Geschäftsführerin Managementberatung Pflege und Health Care fügt hinzu, dass  die Professionen in dieser Zeit zusammengerückt und Grabenkämpfe beiseitegelegt wurden. Prof. Heinz Lohmann, Gesundheitsunternehmer betont den breiten Konsens darüber, dass es etwas Unbekanntes war, dessen Risiko man nicht einschätzen konnte. Jetzt sehe er die Schwierigkeit darin, das Vertrauen nicht zu gefährden, es müssten weiter alle klare Ziele vor Augen haben.
„Jeder Mensch hat das gleiche Recht auf Versorgung“
So argumentiert die Präsidentin der Ärztekammer Niedersachsen und schließt damit explizit auch Vorsorgen, Impfungen und die Behandlung von psychiatrischen Patientinnen und Patienten ein, „da muss der  Staat ran“. Es erfülle sie mit Sorge, dass 39% weniger Herzinfarkte und 29% weniger Schlaganfälle in deutschen Krankenhäusern behandelt wurden. Auch dass die psychiatrischen Stationen immer noch so schlecht belegt seien, dürfe nicht so bleiben. Dr. Gerald Gaß bringt den Aspekt der gesundheitlichen Daseinsvorsoge ein.
Digitalisierung als Chance (auch) in der Pandemiebekämpfung
Für 30 Minuten wird Jens Spahn, Bundesminister für Gesundheit zugeschaltet. Die Pandemie habe einen Schub für die Digitalisierung und ihre Akzeptanz – auch im Gesundheitswesen – erbracht. Er bewirbt die am Vortag veröffentlichte Corona-Warn-App, „auch wenn sie unscheinbar wirkt, steckt da wahnsinnig viel Technik drin“. In den ersten 30 Stunden hätten schon 6,5 Mio. Menschen die App runtergeladen, das liege über seinen Erwartungen. „Das ist ein ziemlich gutes Produkt made in Germany“, man bemühe sich allerdings auch um europäische Schnittstellen, insbesondere in den Grenzgebieten sei das wichtig. Spahn betont aber auch, dass die App die  Arbeit der Gesundheitsämter nicht ersetze.
Auch andere Bereiche der Digitalisierung sollen ausgebaut werden, so sei der aktuelle Schritt ein Gesetzesentwurf, damit auch die Labore digital angeschlossen werden. Auf die Frage, was von den in der Corona-Pandemie genutzten virtuellen Kommunikationswegen bleiben wird, sagt der Minister: „Das liegt ja an uns allen“, die Telematik-Infrastruktur sei erstmal nur eine Infrastruktur, die Frage sei, was man damit mache. Kritische Aspekte des Datenschutzes werden in diesem Rahmen nicht thematisiert.

Konjunkturpaket
Insgesamt umfasse das Konjunkturpaket 130Mrd. Euro, das Gesundheitswesen soll mit 10Mrd. gefördert werden. Auf die Frage, ob das reiche, antwortet Spahn: „Nö.“ Allerdings würden 11Mrd. zusätzlich für die sogenannte Leere-Betten-Pauschale fließen. Etwas brummelig merkt der Minister an, dass es den Krankenkassen selbst so schlecht gar nicht gehen könnte. 3 Mrd. flössen in Strukturfonds für Krankenhäuser, noch am gleichen Tage wolle er mit den Ländern vereinbaren, dass sie weitere 30% kofinanzieren, der Schwerpunkt soll auf Digitalisierung liegen. 4 Mrd. seien für den öffentlichen Gesundheitsdienst in den nächsten Jahren gedacht. Von der verbleibenden Summe sollen nationale und ggf. auch europäische Reserven gebildet werden.

Engagement für einen Impfstoff
770 Mio. Euro sollen in die Impfstoffforschung fließen. Traditionell unterstütze man internationale Forschung und die Unterstützung von Ländern, die sich selbst Impfstoff nicht leisten könnten. Ein zweiter Strang sei jedoch auch, dass auch wir Europa Impfstoff hätten. Darum hätten sich vier europäische Länder, darunter auch Deutschland, zusammengetan, um für alle europäischen Länder zu forschen und zu produzieren. Letzten Freitag habe man im EU-Ministerrat beschlossen, dass man jetzt mit weiteren Entwicklern verhandeln und Impfstoffe sichern werde – auch auf die Gefahr hin, dass wenn der hergestellte Impfstoff auf den letzten Metern scheitere, Geld verloren sei.
Prof. Dr. Eckernkamp, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer Unfallkrankenhaus Berlin gibt kritisch zu bedenken, kann hätte sich eher um das Thema Impfung kümmern müssen. Er wünsche sich, dass wir „mehr mit Pharma machen“, Deutschland wäre schließlich mal „die Apotheke der Welt“ gewesen.

Rückmeldung von der Basis
Unter den Lesenden u.a. von Springer Medizin wurde im Vorfeld eine Umfrage gemacht. Im Großen und Ganzen habe man sich gut informiert gefühlt, am meisten geärgert, dass Schutzmaterialen nicht genug und rechtzeitig zur Verfügung standen. Entscheidungen der Politik seien an Versorgungsnotwendigkeiten vorbei gegangen, da hätte man sich mehr Einbezug von Fachexpertise gewünscht. Immer wieder sei das Stichwort „Wertschätzung“ gefallen.

Ausblick
Vera Lux als Vertreterin der Pflege gibt zu bedenken, dass in der Vergangenheit Worten oft wenig Taten gefolgt sind, die Personalausstattung wurde zurückgefahren, dadurch seien Belastung, Unzufriedenheit und Streikbereitschaft gestiegen, Sie  wünscht sich sektrorenübergreifende Versorgung und Stärkung des Ausbildungssektor, die Digitalisierung der Pflegeeinrichtungen hinke sehr zurück. Prof. Lohmann mahnt an: „Wir sollten nicht zurückgehen zur alten Normalität“ und denkt in Richtung Modernisierung des Gesundheitswesens. Dr. Gaß benennt den Bedarf einer Strukturreform im Krankenhausbereich und im Gesundheitswesen insgesamt, die föderale Struktur habe sich bewährt, die Krankenhäuser seien für Veränderungen bereit.  Allerdings: die Länder kämen ihrer Investionsaufgabe oft zu wenig nach, perspektivisch seien Finanzierungsfragen noch offen. Dr. Wenker nimmt Bezug auf Videosprechstunden auch in Psychotherapie. Die hohe Akzeptanz sei eine positive Überraschung gewesen, aber es habe spürbar auch die Grenzen gezeigt, gerade bei Kontaktbeginn. Außerdem gebe es immer noch Regionen in Deutschland, wo Verbindungen nicht gut genug sind. Prof. Eckernkampf warnt dafür, Digitalisierung auf virtuelle Kommunikation zu reduzieren und benennt konkret die Stichworte big data und Entscheidungshilfen in der Präzisionsmedizin. Offen seien für ihn noch Finanzierungsfragen.

Die menschliche Seite nicht vergessen
Dass die Kammerpräsidentin einbringt: „Das Gesundheitssystem lebt davon, dass es menschelt – und wir müssen weiter menscheln“ war wohltuend, aber wenig überraschen. Umso überraschender, dass auch Gesundheitsunternehmer am Ende sagt: „wenn wir nicht wieder dazu kommen, uns zu umarmen, dann werden wir daran zugrunde gehen“

Johanna Thünker
VPP

25.6.2020

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