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Wie sich Verkammerung auf Methodenvielfalt auswirkt

Berufsstände sind in Deutschland traditionell in Berufsgruppen-Zusammenschlüssen organisiert.
Die Tradition der heutigen Kammern sieht man allgemein begründet bei den ersten Handelskammern, die im 17. Jahrhundert staatlich organisiert wurden. Die ersten Heilberufskammern wurden in Deutschland gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts als Ärztekammern etabliert. Berufsständische Zusammenschlüsse hatten vor allem die bis heute gültigen traditionellen Aufgabenstellungen:

Die Grundlage für die Psychotherapeutenkammern wurde auf der Bundesebene durch das Psychotherapeutengesetz prinzipiell und durch die Änderungen der verschiedenen Heilberufsgesetze in den Bundesländern konkret geschaffen. Nacheinander haben die Bundesländer von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Die Kammern sind Körperschaften des öffentlichen Rechts und damit in weiten formalen und juristischen Bereichen Behörden gleichgestellt. Kurz nach Gründung der Kammern in Bremen und Niedersachsen begannen 2001 die Kammern zu kooperieren und die Gründung der Bundespsychotherapeutenkammer zu planen, zu der es im Mai diesen Jahres kam.
Vor der Regelung des Berufsstandes war die Psychotherapie kein juristisches und berufspolitisches Niemandsland, sondern existierte im Bereich der Berufsausübung und auch im Bereich der kassenärztlichen Versorgung als Teil der ärztlichen Berufsausübung. Psychologen waren hier nicht mit einbegriffen, juristisch gab es sie nicht. Über die "Krücke" der eingeschränkten Heilpraktikerzulassung regelte man notdürftig die Berufsausübung derjenigen Psychologen, die heilkundlich Psychotherapie betrieben.

Berufsausübung vor Regelung des Berufsstandes

Dieses hatte für den Einzelnen zur Folge, dass die Ausübung des Berufes weitgehend von staatlicher Reglementierung frei war. Niemand hat uns - abgesehen von der Tätigkeit zu Lasten von Krankenkassen - irgendwelche Vorschriften über die Art und Weise der Ausübung unseres Berufes oder der Anwendung verschiedener Methoden gemacht. Andererseits spielte sich die Berufsausübung in völlig ungeschützten Räumen ab. Eine Sicherheit der Berufsausübung gab es nicht. Politisch wurden die Interessen der Psychologischen Psychotherapeuten von Berufsverbänden komplett au&szml;erhalb irgendwelcher gesetzlich geregelter Gremien vertreten. Entsprechend war ihr politisches Gehör.
Das Psychotherapeutengesetz bewirkte, analog seiner beiden Teile, zwei gravierende Veränderungen: Das Berufsgesetz bewirkte die berufsrechtliche Regelung, die Änderungen des Sozialgesetzbuches V (SGB V) bewirkten die Integration der Psychologischen Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten in die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen). Hier mit - theoretisch zumindest - den gleichen Rechten, wie sie den Ärzten zustehen. Wie dieses in der Praxis aussieht, ist hier nicht das Thema. Vielmehr soll es um die Konsequenz aus den berufsrechtlichen Regelungen gehen, das hei&szml;t, die Gründung der Kammern. Selbstverständlich gewinnen wir als Psychologische Psychotherapeuten über die Kammern insgesamt mehr Einfluss auf die Politik. Wir werden über Gesetzesänderungen informiert, teilweise besteht ein Anhörungsrecht. Doch wie steht es um die Methodenvielfalt?
Die Kammern agieren nicht und werden nicht aus dem luftleeren Raum heraus besetzt. Sie sind letztendlich berufspolitisch gesehen der verlängerte und legalisierte Arm der Verbände. Die Verbände beschicken die Wahllisten zu den Kammerwahlen. Hier auch meine Überzeugung zur zukünftigen Funktion der Verbände: Die Rolle der Verbände sollte im berufsrechtlichen Bereich vergleichbar werden der Rolle der Parteien im allgemeinpolitischen Leben. Die Aufgabe der Verbände sollte im Wesentlichen sein, die unterschiedlichen Interessen der Berufsgruppe zu bündeln, zu sortieren, in die Kammern einzubringen, wo sie im demokratischen Prozess diskutiert werden und durch die Kammern an die allgemeine Politik herangetragen werden.

Interessenübereinstimmungen und -gegensätze

Gemeinsam ist uns allen, hier auch die ärztlichen Psychotherapeuten einbezogen, das Interesse, unseren Beruf ausüben zu können und dafür eine angemessene Vergütung zu erhalten. Doch das ist im Wesentlichen schon das Ende der Gemeinsamkeiten. Eine organisierte Gruppierung der Ärzte, die Ständige Konferenz der Ärzteverbände (StäKo), hatte darauf hingewirkt, das Psychotherapeutengesetz so zu gestalten, dass wir im Stadium von Heilhilfsberufen, ohne selbstständiges Recht des Tätigwerdens verblieben wären. Zum Glück hat diese Gruppierung sich nicht durchgesetzt. Ich erwähne diese Gruppierung, weil sie diejenige ist, mit der wir die geringsten Interessenübereinstimmungen haben.
Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten kämpfen um Macht und Einfluss im Gesundheitswesen. Wir haben aber natürlich auch gemeinsame Interessen mit Teilen der Ärzteschaft. Es gibt auch Ärzte, die in Gestalt-, Gesprächs- oder systemischer Therapie ausgebildet sind und diese Methoden vertreten. Jedoch spielen sie eine geringe Rolle in der Ärzteschaft.
Die entscheidende inhaltliche Trennlinie in der Vergangenheit war die zwischen anerkannten, so genannten Richtlinienverfahren, und den - früher nur sozialrechtlich, heute nun auch berufsrechtlich - nicht anerkannten Verfahren. Hier sind Veränderungen zu bemerken. Der Kostendruck im Gesundheitswesen erreicht auch die Psychotherapie. Qualitätsmanagement und Qualitätssicherung sind die zur Zeit am häufigsten benutzten Worte in der Gesundheitspolitik. Dahinter steht immer die Absicht, Kosten einzusparen. Uns erreicht dieses konkret dadurch, dass das Gutachtersystem in Frage gestellt wird, andere Qualitätssicherungssysteme ins Gespräch kommen, mit engerer Überprüfung des therapeutischen Geschehens, bevorzugt mittels psychometrischer Verfahren, nebenbei verbunden mit Reduktion der Stundenkontingente. Es ist nachzuvollziehen, dass hierdurch die psychoanalytische Psychotherapie am meisten getroffen wird. Dieses führt natürlich zu mehr Distanz zwischen den Verbänden der Psychoanalytiker und der Verhaltenstherapeuten.

Berufsverbände für Psychologische Psychotherapeuten

Es existieren für die Psychologischen Psychotherapeuten im Wesentlichen vier Berufsverbände: Der Deutsche Psychotherapeutenverband (DPTV) spricht sich zumindest in seiner Verbandsspitze, in der Person von Herrn Kommer, für die Akzeptanz verhaltensmedizinischer Modelle aus. Für den engen Schulterschluss zwischen den Verbänden Vereinigung und DPTV ist dieses Voraussetzung. Der zweite genannte Verband, die Vereinigung der Kassenpsychotherapeuten ist - in dieser Undifferenziertheit zumindest für unsere Themen hier ausreichend - als sehr eindeutig verhaltenstherapeutisch dominiert zu bezeichnen. Der Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten (BVVP) ist der Mischverband zwischen Psychodynamikern und Verhaltenstherapeuten - richtlinienorientiert, auch wenn manchmal andere Aussagen gemacht werden. Bleibt noch der VPP im BDP als einziger Verband, der noch eng mit den Fachverbänden der nicht sozialrechtlich oder gar berufsrechtlich anerkannten Verfahren kooperiert und die Methodenvielfalt ausdrücklich auf seine Fahnen geschrieben hat.
Im Geschehen der Kammern ist der VPP schwach vertreten. Er stellt lediglich zwei Vizepräsidenten-Positionen in den Vorständen der konstituierten Kammern. Und Sie kennen die Situation in der Bundespsychotherapeutenkammer. DPTV und Vereinigung bildeten eine Kernkoalition, mit der sie den Präsidenten und die beiden Vizepräsidentenpositionen stellen. Die weitere Koalition wurde mit den Psychoanalytikern gebildet, die dafür zwei Beisitzerpositionen im Vorstand erhielten. Die alten Gegensätze, Richtlinientherapie vs. Nichtrichtlinientherapie haben sich durchgesetzt. Ob dieses den Psychoanalytikern wirklich gut tut, muss die Zukunft zeigen.
Vom Mainstream der Bundespsychotherapeutenkammer her ist im Moment keine Unterstützung für die Anliegen der Methodenvielfalt zu erwarten. Was können und sollen wir tun? Die zukünftige Hauptfront der Interessen wird sein zwischen auf der einen Seite verhaltensmedizinischen Modellen, die mit kürzeren Stundenkontingenten auskommen, keine Probleme mit ausgiebiger Anwendung psychometrischer Verfahren und der Aufweichung der Exklusivität der psychotherapeutischen Beziehung haben, und auf der anderen Seite den Verfahren, die die Betonung im Heilungsprozess auf die psychotherapeutische Beziehung legen. Nicht verschwiegen werden kann hier auch, dass die erstere Alternative deutlich mehr Unterstützung durch die Kassen findet, da sie ihre Arbeit transparenter machen kann und vordergründig kostengünstiger arbeitet.
Alles in allem keine rosigen Aussichten, ich bin jedoch überzeugt von unserer Methodik und deren Effektivität. Das Weitere entscheidet sich über geschicktes politisches Vorgehen und geschickte Bündnispolitik. Die Auswirkung der Verkammerung auf die Methodenvielfalt? Aus meiner Sicht offen. Es kommt darauf an, wie weit wir uns politisch durchsetzen.

Hans Bauer
Vorsitzender des Landesfachverbandes Hessen des VPP und Vizepräsident der hessischen Psychotherapeutenkammer

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